Sport : Der Olympiasieger fühlt sich vom Rechtsausschuss ernst genommen

Frank Bachner

Geheim sollte alles sein, streng geheim, der Ort und die Zeit auch. Keiner durfte wissen, wo der Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Dieter Baumann zu dessen positiven Proben anhört. Hat ja auch prima geklappt. Vielleicht hätte man aber das fast quadratmetergroße Hinweisschild "Sitzung des DLV-Ausschusses in Raum 207", mit Richtungspfeil, im Foyer des Hauses des Sports in München doch etwas mehr in den Hintergrund schieben sollen. Vielleicht hätten dann die vier Kameraleute und die fünf Fotografen nicht sofort den Weg zur Anhörung gefunden. Als Baumann dann kam, lief er erstmal ins falsche Zimmer, und im richtigen jagte er einen Fotografen davon, der ihm ins Allerheiligste gefolgt war.

Nach drei Stunden tauchte der 34-Jährige wieder auf und verkündete: "Ich hatte einen guten Nachmittag. Ich konnte zum erstenmal nach drei Monaten meine Sicht der Dinge darstellen." Der 5000-m-Olympiasieger von 1992 wirkte gefasst. Erleichterung war ihm anzumerken, nicht in großen Gesten oder pathetischen Worten, aber in Kleinigkeiten. "Ich habe mich bereits mehr als ausgezogen, mehr kann ich nicht tun", meinte er. Und? War der dreiköpfige Rechtsaussschuss beeindruckt? "Ich hatte den Eindruck, dass die meine Sicht der Dinge sehr ernst genommen haben." Die Rechtsexperten hatten vor allem den Punkt, wie die manipulierte Zahnpasta aufgefunden wurde, ernst genommen.

Wie lange die Ermittlungen noch dauern werden, ist völlig offen. Aber es gibt offenbar Signale, dass die Entscheidung, ob Baumann gesperrt wird, rechtzeitig zur letzten Qualifikationsmöglichkeit für die Olympischen Spiele fällt. "Der Rechtsausschuss weiß das", sagte Baumanns Anwalt Michael Lehner.

Viel Neues hatten er und sein Mandant den Juristen nicht gesagt. Die Staatsanwaltschaft hat kaum zusätzliche Erkenntnisse über einen Unbekannten, der die Zahnpastatuben manipuliert haben soll. Aber die bisherigen Ergebnisse müssten den Ausschuss genug beeindrucken. So denkt jedenfalls Baumann. "Wenn diese Ermittlungsergebnisse nicht interessieren, dann bewegen wir uns derart in einem rechtlosen Raum, dass es nicht mehr zu verantworten wäre. Ich rechne nicht mit einer Sperre", sagte er. Deshalb schiebt er auch das Thema Schadenersatz derzeit weit weg. Er hofft immer noch auf den Anonymus, der in einem Brief an die Staatsanwaltschaft einen jetzt in Diensten des DLV stehenden Ex-DDR-Trainer als Drahtzieher beschuldigt hat. Die Hinweise verdichten sich, dass es sich bei dem Tippgeber um einen früheren DDR-Trainer handelt, der jetzt im Raum Berlin lebt und nach der Wende vom DLV nicht übernommen wurde.

Baumann trainiert unverändert. Nur in dieser Woche trat er etwas kürzer, weil "dieser für mich emotional belastende Termin anstand". Aber in den nächsten drei Wochen legt er wieder zu, unter anderem reist er nach Italien ins Trainingslager. Am Ende verabschiedet er sich mit einem Gag, aber einem symbolhaften, kennzeichnend für seine Denkweise. Er stand im zweiten Stock, aber den Aufzug ließ er links liegen: "Wir laufen lieber. Wir müssen trainieren." Sein Anwalt auch. Der ist Triathlet.

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