Sport : Der olympische Papst

Erich Ahlers

Seine Gelassenheit ist manchmal beängstigend. Und doch: Der Mann ist nicht unnahbar, nicht mysteriös, nicht zu alt für seinen Job. Er ist eben nicht Juan Antonio Samaranch, sondern vielmehr Jacques Rogge, der neue Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Salt Lake City 2002 Fotostrecke:
Olympische Winterspiele 2002 - erste Impressionen Der 59-Jährige erlebt in Salt Lake City bereits seine 15. Olympischen Spiele. Einst als segelnder Athlet, inzwischen als Funktionär. Die Winterspiele, die am Freitag eröffnet werden, sind für Rogge die olympische Premiere als Präsident. Ein Einstieg unter ungünstigen Vorzeichen. Die Stadt in Utah wird immer mit dem größten Korruptionsskandal der IOC-Historie in Verbindung gebracht. Vor allem aber war wohl keine olympische Veranstaltung je mit ähnlich dramatischen Sicherheitsbedenken verknüpft wie diese. "Die Realität ist, wie sie ist", sagt Rogge, der Pragmatiker. 16 Tage Olympia ohne besondere Vorkommnisse - das ist sein Arbeitsziel. Der Chirurg erklärt es so: "Wenn früher meine Patienten nach einer Operation gesund das Krankenhaus verlassen haben, war ich happy. Bei Olympia ist es genauso. Wenn alle Beteiligten heil nach Hause gereist sind, bin ich zufrieden."

Jacques Rogge hat nicht viel geändert im IOC. Immerhin, sein offener Führungsstil findet nach Jahren des katalonischen Klüngels nahezu ungeteilte Zustimmung. Zur neuen Transparenz à la Rogge gehört auch, dass der IOC-Chef am Wochenende vom Hotel "Little America" ins Dorf der Athleten umziehen wird. Rogge kennt seine Rolle. Und seine Wichtigkeit. Dass man sein Amt mit dem des Papstes verglichen hat, amüsiert ihn. "Vergleichen Sie mich lieber mit dem Chef des Roten Kreuzes", sagt Rogge. Und weiß doch, dass auch dieser Vergleich hinkt. Denn das IOC ist eine wirtschaftlich bedeutsame Organisation, die Milliarden bewegt. Und die sich der Zuneigung der Politik sicher sein darf.

Geld ist ein olympisches Thema. Aber eigentlich ist es keins. Ein Drittel des Gesamtetats der Spiele in Salt Lake City (1,9 Milliarden Dollar) trägt der amerikanische Steuerzahler, und Rogge findet das ganz normal. "Das IOC ist schon für vieles kritisiert worden, für das es gar nicht verantwortlich ist", antwortet Rogge. In diesem Moment klingt der Neue noch sehr nach dem alten Samaranch. Auch beim Thema Werbung in den Stadien gibt es Parallelen zum Vorgänger. Wann wird sich das olympische Spektakel für die große Reklame öffnen? Rogge zuckt die Schultern: "Ich glaube nicht, dass dies noch in meiner Amtszeit passiert. Vielleicht danach, ich weiß es nicht." Um die finanzielle Situation Olympias macht sich Rogge ohnehin keine Sorgen. Rezession hin oder her, die Verträge gelten bis 2008. Und bis dahin werde die Rezession hoffentlich überwunden sein. "Das wäre nicht nur für das IOC, sondern natürlich für uns alle wichtig", fügt Rogge hinzu. Worte wie von einem Staatsmann. Oder einem Papst.

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