Sport : Der perfekte Anstoß

Am ersten Tag der Leichtathletik-EM gewinnt der Kugelstoßer Ralf Bartels Gold

Friedhard Teuffel[Göteborg]

Vom einen auf den anderen Moment wirkte Ralf Bartels, als besuche er zum ersten Mal eine internationale Sportveranstaltung. Ein Stadionsprecher sprach ihn an und hielt ihm sein Mikrofon unter die Nase. Bartels schaute ängstlich auf die rote Schaumstoffkugel, als handele es sich um eine giftige Kröte. „I have no words, I can only say, thank you very much“, stammelte Bartels. Und bei der nächsten Frage musste er gleich passen, er hatte sie einfach nicht verstanden. Doch während sein Englisch noch nicht wettkampftauglich ist, kann er sein Sportgerät so weit befördern wie kein anderer in Europa. Im Göteborger Ullevi-Stadion gewann der Kugelstoßer aus Neubrandenburg am Montagabend die erste Goldmedaille, die bei diesen Europameisterschaften vergeben wurde.

Der Wettkampf schien eigentlich enttäuschend zu Ende zu gehen. Nach fünf Versuchen lag Bartels auf dem vierten Platz, und nach zuletzt einmal Bronze bei der EM und einmal bei der WM wäre ihm das doch zu wenig gewesen. Nach beinahe jedem seiner fünf Versuche verzog er verärgert sein Gesicht. Doch dann kam der letzte Versuch. Bartels setzte die Kugel auf 21,13 Meter. Das war eine Steigerung von 56 Zentimetern gegenüber seinem bis dahin besten Stoß. So weit war der 28-Jährige in dieser Saison noch nicht gekommen. Viel weniger hätte es aber auch nicht sein dürfen. Der Weißrusse Andrej Michnewitsch hatte 21,11 Meter gestoßen, der Däne Joachim Olsen 21,09 Meter.

Für den letzten Versuch seiner Konkurrenz hatte sich Bartels einen Logenplatz ausgesucht. Er stellte sich an den Rand der Wiese und schaute den drei verbleibenden Athleten zu, wie sie sich vergeblich bemühten, seine Weite noch zu übertreffen. Dann riss Bartels die Arme nach oben und freute sich über seine Maßarbeit. Er hatte direkt neben sich auch gleich den wohl besten Mann zum Mitfeiern. Andy Dittmar aus Thüringen hatte überraschend das Finale und dort Platz sieben erreicht und war überglücklich. Vor seinem Kollegen Bartels hatte er am Ende größten Respekt. „Da muss man den Hut ziehen, im letzten Stoß so ein Ding zu setzen“, sagte er, „in so einem Finale selber dabei zu sein, ist schon grandios.“

Der letzte Versuch war schon bei der Weltmeisterschaft 2005 in Helsinki Bartels bester gewesen. Damit hatte er sich noch die Bronzemedaille gesichert. Hatte er sich das noch einmal bewusst gemacht, bevor er zum letzten Mal den Ring betrat? „Man denkt an vieles, obwohl man eigentlich versucht, an nichts zu denken“, sagte er. Im Laufe des Wettbewerbs sei er schon ein bisschen verzweifelt gewesen. „Aber ich wusste, dass ich noch einen draufsetzen kann.“ Er setzte auch im Vergleich zu Helsinki noch einen drauf, wo er mit 20,99 Metern knapp an der symbolhaften Grenze von 21 Metern gescheitert war.

Die wuchtigen Kerle haben so der deutschen Mannschaft in Göteborg gleich den richtigen Anstoß verpasst. Die Ungewissheit über das eigene Leistungsvermögen schien groß zu sein in der deutschen Mannschaft, und zur Verunsicherung hatte zusätzlich die Debatte beigetragen, ob der Verband nicht zu viele Athleten mit nach Schweden mitgenommen hatte. In der letzten Mannschaftsbesprechung hatten Verbandspräsident Clemens Prokop und Sportdirektor Frank Hensel jedoch offenbar die richtigen Worte gefunden. „Sie haben gesagt, dass wir uns noch wundern werden, wie viele Athleten auf einmal hinter uns landen“, berichtete der 31 Jahre alte Dittmar. Ralf Bartels konnte den anderen deutschen Athleten nach seinem Sieg daher eine Botschaft mitgeben: „Es kann gelingen, das Unmögliche möglich zu machen.“ Nur auf die Beherrschung von Fremdsprachen hat Europameister Bartels das wohl nicht bezogen.

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