Sport : Der Plan vom Viertelfinale Warum die Schweiz sich nicht für chancenlos hält

Stefan hermanns[Albufeira]

Jakob Kuhn, der Trainer der Schweizer Fußball-Nationalmannschaft, ist ein Mensch, der sich nicht besonders um sein Image schert. Vor kurzem hat er gesagt: „Vielleicht hätten wir uns besser nicht für Portugal qualifiziert. Dann hätten wir einen ruhigen Sommer.“ Das war ironisch gemeint. Aber viele haben Kuhns Aussage wörtlich genommen, weil sie sich in etwa mit den allgemeinen Erwartungen vom Auftreten der Schweizer Fußballer bei der Europameisterschaft deckt. Erwartet wird von ihnen – nichts.

Das liegt vor allem daran, dass die Schweizer mit Frankreich und England in einer Gruppe spielen, und wenn sie heute (18 Uhr, live im ZDF) in Leiria zum Auftakt auf Kroatien treffen, dann ist das so etwas wie ein Spiel um Platz drei in der Gruppe B. Nur die Schweizer selbst sehen das ein bisschen anders. Jörg Stiel, der Torhüter und Kapitän der Nationalmannschaft, sagt zum Beispiel über die Auslosung: „Da haben wir Glück gehabt.“ Wobei sich das in erster Linie darauf bezieht, dass die Schweizer zunächst gegen die Kroaten spielen.

Die Schweizer haben nämlich einen Plan: Zum Auftakt schlagen sie Kroatien, während der Turnierfavorit Frankreich die Engländer besiegt. Die wiederum stehen danach im Spiel gegen die Schweiz bereits extrem unter Druck. „England liegt uns“, sagt Stiel. Frankreich nicht unbedingt. Aber der Plan sieht weiter vor, dass die Franzosen schon vor dem letzten Spiel fürs Viertelfinale qualifiziert sind und deswegen mit einigen Ersatzleuten gegen die Schweiz antreten. Das alles hört sich recht konstruiert an, und selbst Jörg Stiel sagt: „Wenn wir ins Viertelfinale kommen, müssen wir nicht ein Kreuz machen, sondern mindestens zwei Kreuze.“

Dass sich die Schweizer überhaupt mit solchen Gedankenspielen beschäftigen, ist zumindest Ausdruck einer neuen Fußball-Euphorie im Lande. 15 000 Landsleute begleiten ihr Team nach Portugal. Zum ersten Mal seit 1996 nimmt das Land wieder an einem großen Turnier teil, nachdem es sich in seiner Qualifikationsgruppe gegen die beiden WM-Teilnehmer Russland und Irland durchgesetzt hat. „Die Nationalmannschaft ist ein Riesenthema“, sagt Stiel.

Das erfolgreiche Abschneiden ist vor allem das Werk des Nationaltrainers Jakob Kuhn. Der 60-Jährige hat zuvor die U 21 betreut und in dieser Funktion Nachwuchskonzepte auf den Weg gebracht, die sich jetzt auszuzahlen beginnen. Die U 17 der Schweiz ist amtierender Europameister, und für die EM in Portugal hat Kuhn Johan Volanthen vom PSV Eindhoven und den künftigen Hannover-96-Profi Tranquillo Barnetta nachnominiert – einen 18- und einen 19-Jährigen.

Kuhn, einer der besten Schweizer Fußballer aller Zeiten, wird von den Spielern wegen seiner besonnenen und zurückhaltenden Art geschätzt. Das Team hat er nach seinen Vorstellungen geformt. Es ist ein gut funktionierendes Kollektiv, das niemals mehr sein will, als es ist. „Die Mannschaft ist jetzt seit zwei Jahren zusammen“, sagt Kapitän Stiel. „Da spürt man moralische Unterstützung untereinander.“

Otto Baric, der Trainer des ersten Gruppengegners Kroatien, hält die Schweiz für ein gut eingespieltes Ensemble, „wahrscheinlich besser eingespielt als mein Team“. Auch beim Test gegen die Deutschen war das trotz der 0:2-Niederlage über weite Strecken zu sehen. Die Schweizer kombinierten direkter, erarbeiteten sich mehr Chancen und verloren nur wegen ihrer fehlenden Effizienz vor dem Tor. Aber vielleicht lernen sie das auch noch. Jörg Stiel sagt: „Wir sind noch nicht am Ziel, nur weil wir bei der EM dabei sind.“

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