Sport : Der Pleite davonfahren

Finanzielle Probleme zogen Heinz Wewering nach Italien – heute startet er wieder in Mariendorf

Hartmut Moheit

Berlin - Als sich Heinz Wewering in Italien am Telefon meldet, hat er gerade einen Disput mit einem Tankwart. Es geht um 50 Euro, die der Westfale in eine Tanksäule gesteckt hat, ohne dass danach Kraftstoff geflossen ist. Verlieren möchte er dieses Geld auf keinen Fall, denn viel davon hat der 29-malige deutsche Traber-Champion nicht mehr. In Campo di Carne, 35 Kilometer südlich von Rom, arbeitet Wewering mittlerweile öfters als Trainer von 60 Pferden, als dass er selbst von Sieg zu Sieg fährt. Aber das ist nicht der Grund dafür, dass er sich im Badeort Anzio nur noch eine Mietwohnung leisten kann. Der „Mann mit dem Goldhelm“, der in seiner Karriere mehr als 16 000 Siege und dabei viele Millionen Mark und später Euro eingefahren hat, ist pleite.

„Was ist schon pleite?“, fragt er, in Deutschland treffe das doch praktisch auf den gesamten Trabrennsport zu. Deshalb sei er im vergangenen Jahr nach Italien übergesiedelt, „wo in diesem Sport noch Geld verdient werden kann“. Aber es ist nicht so viel erhofft und vor allem nicht so viel, wie der 57-Jährige zu seinen Glanzzeiten in Deutschland als Dauerchampion seit 1977 sowie mehrmaligen Welt- und Europameister eingefahren hat. Das macht es für Wewering wesentlich schwieriger, die Forderungen diverser Gläubiger zu befriedigen. Den Hauptteil seiner Millionen haben die deutschen Steuerbehörden kassiert, als sie ihm vor ein paar Jahren wegen nach Luxemburg transferierter Gewinnsummen auf die Schliche kamen. „Pferde habe ich selbst nicht mehr“, erzählt er. Über andere Dinge, wie eine verkaufte Lebensversicherung und den ehemaligen Hof bei Castrop-Rauxel schweigt er. „Ich fühle mich in Italien sehr wohl, hier bleibe ich jetzt“, sagt er.

Für lukrative Sulky-Fahrten macht er sich allerdings noch auf die Reise. Deshalb wird Heinz Wewering heute für sieben Stunden nach Berlin kommen, zum ersten Mal nach seinem Umzug. Seine ehemalige Schwiegermutter Doris Wilhelm hat ihn für zwei Einsätze in Mariendorf für den Stall Cortina verpflichtet. Zwei Derbyvorprüfungen soll er fahren. In früheren Jahren war Wewering für diesen Stall bereits sehr erfolgreich. Mit der dreijährigen Stute Jamilia und dem gleichaltrigen Hengst Prince Carmino, die beide vom Champion-Trainer Gerhard Holtermann trainiert werden, will Wewering versuchen, möglichst viel von der Gesamtdotierung für beide Rennen in Höhe von 50 000 Euro für die Stallbesitzerin zu gewinnen. Sie zahlt ihm wie branchenüblich eine Antrittspauschale, aber je besser Wewering abschneidet, desto mehr Geld dürfte er mitnehmen. Für ihn zählt nun jeder Erfolg, aber er gibt zu: „Die 20 000 Siege, die ich mir mal vorgenommen hatte, werde ich nicht mehr schaffen.“ Wewerings mehr als 16 000 Siege bleiben wohl auch so ein Rekord für die Ewigkeit, ebenso wie die 704 Erfolge, die er 1983 in nur einem Jahr geschafft hatte.

So hofft der immer noch als Symbolfigur des deutschen Trabrennsports geltende Wewering, auch seine finanzielle Situation wieder verbessern zu können. Wewering spricht von einem „neuen Anfang“, der ihm in Deutschland nicht möglich gewesen sei. Für das mit 50 000 Euro dotierte traditionelle Buddenbrock-Rennen (Start am Sonntag um 16.51 Uhr) hat er keinen Startplatz bekommen. „Das ist nun mal so“, sagt Wewering, „ich hoffe, mich natürlich für das Deutsche Derby am kommenden Sonntag in Mariendorf zu qualifizieren.“

Dass in der Vergangenheit nicht selten der Schnellste des Buddenbrock-Rennens auch der Derbysieger wurde, bringt Wewering nicht aus der Ruhe. „Es haben auch schon andere gewonnen“, sagt er. Jarmilia und Prince Carmino haben sein Vertrauen. „Der Trainer wird mir schon die richtigen Tipps geben.“ Und wenn es nicht gut ausgeht? „Dann geht die Welt auch nicht unter“, sagt Wewering, „es geht auch in schwierigen Zeiten immer weiter.“ Das finanzielle Desaster hat seiner Gelassenheit nicht geschadet.

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