Sport : Der Poet ist verstummt

Helmut Schümann

betrauert den Niedergang von Zinedine Zidane Er schwebt nicht mehr. Er tanzt nicht mehr. Er singt nicht mehr seine ureigenen Lieder. Die Lieder Zinedine Zidanes kündeten von der Leichtigkeit des Spiels. Sie erzählten den Traum vom Glück. Wenn er im Blau der französischen Nationalmannschaft oder im Weiß Real Madrids sein Spiel spielte, kamen Ahnungen auf und erschienen Visionen. (Und wenn jetzt einer sagt, der spinnt, der so von einem Fußballspieler schwärmt, dann hat der zwar Recht, aber dennoch keine Ahnung von der Schönheit. Also weiter.) Nie rannte er dem Ball hinterher, vielmehr wollte der Ball zu ihm, zu dem Menschen, der ihn versteht. Der ihn nicht malträtierte, nicht quälte, nicht drosch. Es hat Männer gegeben, die Künstler am Ball waren: Pelé, Maradona, Beckenbauer, Cruyff, Netzer, noch andere. Zidane konnte mehr, konnte schweben, konnte gleiten, konnte sehen, was andere nicht sahen und den Ball exakt dorthin befördern. Dabei schien sein ganzer Körper zu lächeln und mit leiser Stimme zu sagen: Es ist doch nur ein Spiel. Nie zuvor hat einer so unprätentiös spektakulär gespielt, nie so poetisch, es wird wohl auf lange Zeit keinen mehr geben.

Am vergangenen Dienstag musste Zidane gegen Bayer Leverkusen ran. Schon bei der Europameisterschaft war zu sehen, dass seine Zeit zur Neige geht. Jetzt am Dienstag quälte er sich, und es war eine Qual, ihn zu sehen. Am Ende holte er einen Elfmeter heraus, für das Real, das mit ihm verglüht. Zinedine Zidane, ein Elfmeterschinder. Ein schrecklicheres Bild für das Ende seiner Karriere kann es nicht geben. Gottlob wurde der Elfmeter verschossen. Ein Tor wäre Zidanes unwürdig gewesen.

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