• Der Präsident will Ergebnisse sehen Hannovers Trainer Slomka steht in der Kritik Geschichten aus Absurdistan

Sport : Der Präsident will Ergebnisse sehen Hannovers Trainer Slomka steht in der Kritik Geschichten aus Absurdistan

Vor einem Jahr war Fluminense Brasilianischer Meister, stieg dann ab – und schaffte vor Gericht doch noch den Klassenverbleib.

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Wer dirigiert Brasiliens Fußball? Fluminenses kurioser Klassenerhalt mit dem Nationalspieler Fred bietet reichlich Stoff für Verschwörungstheoretiker. Foto: p-a/dpa
Wer dirigiert Brasiliens Fußball? Fluminenses kurioser Klassenerhalt mit dem Nationalspieler Fred bietet reichlich Stoff für...Foto: picture alliance / dpa

Hannover - Bei Hannover 96 ist gerade ein Phänomen zu beobachten, das in der Fußball-Bundesliga nicht ganz neu und trotzdem nur schwer zu fassen ist. Es geht um den Trainer Mirko Slomka, der mit dem Verein in fast vier Jahren durchaus erfolgreich war, an dem es jedoch zunehmend schärfere Kritik gibt. Und wie so oft in solchen Fällen scheint sich auch bei ihm die Diskussion um seinen Arbeitsplatz weitgehend zu verselbständigen. Dass dies so ist, daran ist Hannovers Vereinsführung nicht ganz unschuldig. Zumindest Präsident Martin Kind scheint es nicht zu stören, wenn aus seinen Worten Zweifel an Slomka herauszuhören sind. So sind mögliche Transfers in der Winterpause erst einmal gestoppt worden – weil in Hannover niemand sicher wissen kann, ob Slomka nach der Winterpause immer noch im Amt ist.

Ein neuer Trainer könnte schließlich andere personelle Vorstellungen haben, gesteht Kind. „Wenn es zu einer Trainer-Entlassung käme, wäre das sicherlich sinnvoll“, hatte er gesagt. Immerhin kann sich Kind noch vorstellen, auch nach einer Niederlage zum Hinrundenabschluss beim SC Freiburg an Slomka festzuhalten. „Aber es kommt schon auf das Wie an“, schränkte der Präsident in der „Bild“-Zeitung ein: „Ein 1:2 mit guter Leistung ist etwas ganz anderes als ein 0:5.“

Slomka selbst ( „Ich gehe fest davon aus, dass ich auch 2014 noch 96-Trainer bin“) gibt sich noch kämpferisch und kann sich zumindest der Rückendeckung von Sportdirektor Dirk Dufner sicher sein. „Wir haben fest vor, mit diesem Trainer weiter zu arbeiten und zu den Erfolgen der letzten Jahre zurück zu kommen“, sagte Dufner dem Radiosender NDR2.

Die Hannoveraner, die mit dem Ziel Europapokal in die Saison gestartet sind, liegen nach 16 Spieltagen als Tabellenzwölfter weit hinter ihren eigenen Erwartungen zurück. Vor allem auswärts enttäuschte das Team von Slomka regelmäßig. Auf fremden Plätzen holte 96 in dieser Saison noch keinen einzigen Punkt. „Für mich wäre es inakzeptabel, die Hinrunde ohne Auswärtszähler abzuschließen“, sagte Slomka. Das enttäuschende Abschneiden der Mannschaft soll nach Ende der Hinserie eingehend analysiert werden. „Dass wir uns nach so einer Vorrunde uns zusammensetzen, analysieren, was können wir besser machen und wie machen wir weiter, ist doch völlig klar“, sagte Dufner. dpaHANNOVER 96]

Champagner!“, twitterte Felipe Melo kurz vor Mitternacht in Istanbul. Eine kleine, feine und gemeine Anspielung auf das, was gerade in der Heimat des brasilianischen Fußball-Nationalspielers geschehen war. Mit Champagner hatte das Präsidium des Fluminense Football Club 1997 gefeiert, nachdem es auf juristischem Wege noch den Abstieg aus der Ersten Liga verhindert hatte. Der heute für Galatasaray spielende Felipe Melo weiß das noch sehr gut, denn er ist beim Erzfeind Flamengo in Rio de Janeiro groß geworden.

Nun ist nicht bekannt, womit sie diesmal bei Fluminense angestoßen haben. Absteigen müssen sie jedenfalls wieder nicht. Auf denkbar kuriose Weise vermied der Brasilianische Meister des vergangenen Jahres die Blamage einer direkten Durchreiche in die Zweite Liga. Weil das Konkurrenzunternehmen Portuguesa am Sonntag zum Ligaausklang einen eigentlich gesperrten Spieler eingesetzt hatte, verhängte der brasilianische Sportgerichtshof STJD einen Abzug von vier Punkten, wodurch der Klub aus Sao Paulo hinter Fluminense auf Platz 17 und damit aus der Liga purzelte.

Ein wenig verschämt vermeldete Fluminense links unten auf seiner Homepage, was sich da vor Gericht zugetragen hatte. Der Klub des derzeit verletzten Nationalspielers Fred profitiert von einer Geschichte, wie sie vielleicht in Absurdistan spielen könnte. Aber in Brasilien? Im Land des fünffachen Weltmeisters, des Gastgebers der WM 2014 und der emotionalen Heimat des Fußballs?

Sportlich hatte es für den Brasilianischen Meister nicht gereicht, trotz eines 2:1-Sieges am 38. und letzten Spieltag in Salvador. Bis jemandem die Sache mit Heverton auffiel. Der Mittelfeldspieler der Associaçao Portuguesa de Desportos, war am 36. Spieltag vom Platz geflogen und daraufhin für zwei Spiele gesperrt worden. Weil das Sportgericht dieses Urteil reichlich fällte, nämlich erst am Freitag vor dem Saisonfinale, wurde es nicht mehr schriftlich nach Sao Paulo zugestellt, sondern dem mit der Verteidigung des Spielers beauftragten Anwalt mitgeteilt.

Das Präsidium von Portuguesa behauptet nun, der Anwalt hätte lediglich von einem Spiel Sperre gesprochen. Daraufhin sei Heverton zur zweiten Halbzeit des letzten Saisonspiels gegen Gremio Porto Alegre eingewechselt worden. Es war dies eine sportlich völlig bedeutungslose Angelegenheit, denn Portuguesa hatte, bei fünf Punkten Vorsprung auf Fluminense, den Klassenverbleib längst geschafft.

Diese Argumentation klingt schlüssig, sie verliert nur ein wenig an Überzeugungskraft, weil Portuguesas Klub-Anwalt das Gegenteil behauptet: Selbstverständlich habe er die Sperre von zwei Spielen für Heverton nach Sao Paulo weitergetragen. Bald darauf kursierte im Internet ein Foto vom November vergangenen Jahres, es zeigt eben diesen Anwalt und seine Frau Arm in Arm mit Fluminenses Star Fred. Im für Verschwörungstheorien jeder Art traditionell offenen Brasilien zeitigte das die erwarteten Folgen. Der Anwalt wurde von allen Diensten entbunden, aber Portuguesas Verhandlungsbasis vor dem Superior Tribunal de Justiça Desportiva verbesserte das nicht entscheidend. Der Sportgerichtshof entschied mit 5:0 Richterstimmen für den in der Satzung festgelegten Abzug: einen Punkt aus dem 0:0 gegen Gremio, drei weitere für das Vergehen an sich. Vor dem Gerichtsgebäude in Rio de Janeiro jubelten die Fans von Fluminense und weinten die aus Sao Paulo, sie sind einander so innig zugetan wie hierzulande Düsseldorfer und Kölner.

„Diese Verhandlung war der 39. Spieltag, und er hätte genauso gut im Maracana-Stadion stattfinden können“, zeterte der neue Anwalt von Portuguesa. Selbstverständlich werde er in Berufung gehen, aber angesichts der Sachlage wird sich am Urteil kaum etwas ändern.

Für Fluminense hatte dieser 39. Spieltag noch eine zweite glückliche Fügung. Es wurden nämlich auch die lieben Feinde von Flamengo mit einem Abzug von vier Punkten bedacht, wegen des Mitwirkens des ebenfalls gesperrten Andre Santos beim 1:1 gegen den neuen Meister Cruzeiro Belo Horizonte. Flamengo rutschte damit noch hinter Fluminense auf den 16. Platz ab. Santos hatte sich seine Sperre im Pokalfinale gegen Atletico Paranaense eingehandelt. Trainer Jaime de Almeida leitete daraus die Berechtigung ab, er könne den Verteidiger in der Liga ruhigen Gewissens einsetzen.

Noch so eine Geschichte aus Absurdistan. Sven Goldmann

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