Sport : Der predigende Pantomime

Vor der EM mit Irland blüht Giovanni Trapattoni mit 73 Jahren noch einmal auf.

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So groß sind unsere Chancen. Trainer Giovanni Trapattoni ist mit seinen Iren nur Außenseiter bei der EM. Foto: AFP
So groß sind unsere Chancen. Trainer Giovanni Trapattoni ist mit seinen Iren nur Außenseiter bei der EM. Foto: AFPFoto: AFP

Montecatini ist nun Geschichte. In dem Spa-Ort in der Toskana wird schon mal „Miss Italia“ gekürt, aber im Mai empfing man hier Giovanni Trapattoni wie einen verlorenen Sohn, als er mit seiner irischen Nationalmannschaft zur EM-Vorbereitung in Montecatini weilte. Mit der Abreise am Dienstag endete das Feuerwerk der Sprüche, das er hier abbrannte als sei es eine Verpflichtung, die Fußball-Welt gleichzeitig zu unterhalten und zu verwirren. „Zum Aufhören müssen sie mich prügeln“, sagte er. Sprüche gehören zu Trapattoni wie die pantomimenhafte Mimik, die seine Vorträge begleitet. Der 73 Jahre alte Trainer geht unbeirrt seinen Weg. In Polen und der Ukraine ist er der älteste Trainer, der je ein EM-Team betreute.

Die Zeit der großen Gesten und Sprüche ist dann vorbei. Nach dem 0:0 im letzten Test in Ungarn wird es ernst für Trapattoni. Kommenden Sonntag startet der ehemalige Coach des VfB Stuttgart und von Bayern München gegen Kroatien ins EM-Turnier 2012, dem nach 1988 überhaupt erst zweiten für Irland. Trapattonis Team logiert in Sopot, westlich von Danzig. Dort wohnen die Iren zusammen mit der Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) um Präsident Wolfgang Niersbach unter einem Dach.

In Irland mögen nicht alle die Begeisterung über Trapattoni teilen, die er in Montecatini und nach dem Triumph in der EM-Qualifikation auslöste. Der Mann gilt in Irland als Trainer, der das Risiko scheut. Der Nachwuchs hat kaum eine Chance, in den Kader vorzudringen. Es sei ein überaltertes Team, kritisieren manche. „Du musst dich für einen Kurs entscheiden, das habe ich getan. Wenn du aber dann den Kurs verlässt, landest du mit deinem Schiff auf den Klippen“, kontert Trapattoni. Nach der Qualifikation nutzt er den Heldenstatus wie ein Schutzschild und wirkt oft wie ein Pastor bei einer Predigt. „Du kannst eine wundervolle Show liefern, nach drei Tagen bleibt das Ergebnis übrig, die Show ist vergessen. Die Spieler verstehen das“, behauptet er. Er schaut seinen Gesprächspartnern ins Gesicht. Ein, zwei Sekunden lang. Dann lächelt er, und alle lächeln mit ihm. Trapattoni ist ein Charmeur der alten Schule.

In Montecatini war Trapattoni vor Kritik geschützt wie eine patentierte Marke. Das ist sein Revier, obwohl er nördlich von hier zwischen Monza und Mailand lebt. In seinem Haus in Cusano ist er öfter zu finden ist als in der irischen Hauptstadt Dublin. „Es ist für ihn wie nach Hause zu kommen“, sagt ein Sprecher des irischen Verbandes über das Trainingslager. Das 1:0 gegen Bosnien-Herzegowina und das Remis gegen Ungarn wirkten für Trapattoni wie die Bestätigung, sein Weg würde der richtige sein für den EM-Außenseiter. Immerhin sind die Iren nun 14 Spiele in Folge ungeschlagen.

Bei Trapattonis Trainingslager wirkt es wie Ironie des Schicksals, dass knappe 40 Kilometer entfernt die EM-Vorbereitung des italienischen Verbandes stattfand. In Coverciano bereitete Cesare Prandelli das italienische Team vor, das er einmal trainierte und gegen das er jetzt mit Irland in der Gruppe C spielen muss. Es ist das letzte Spiel am 18. Juni. „Ich wollte nicht gegen Italien spielen. Aber es ist so gekommen“, sagt er. „Ich hoffe nur, es wird kein entscheidendes Spiel.“ Zufällig hat er sein Trainingscamp nicht gewählt. Italien nahe zu sein, ist immer noch seine Sehnsucht. Aber diesmal musste er jeden Tag den Wettskandal im italienischen Fußball kommentieren, wie ein Vater, der über seine missratenen Söhne spricht.

In Montecatini hat man ihn gefeiert. Um halb acht am Abend ehrte die Stadt den prominenten Gast und versuchte trotz des Wettskandals in der Nachbarschaft, Kapital aus seinem Besuch zu schlagen. Die PR-Aktion für sein Montecatini macht Trapattoni bereitwillig mit. Es schmeichelt ihm, sich in Italien zu Hause zu fühlen und anerkannt zu sein.

„Wir haben keinen Messi bei uns, aber wir haben unsere eigenen Waffen“, sagt Trapattoni und gestikuliert typisch italienisch. Er hat sich eine Mannschaft der Erfahrenen zusammengebaut. Dahinter steckt auch seine Botschaft. Die Botschaft zu zeigen, „dass ich noch gebraucht werde und etwas bewirken kann. Ich kann noch etwas geben, meine Erfahrung als Trainer und Spieler. Ich weiß viel über den Fußball, den alten und den neuen. Es ist wichtig zu wissen, was man morgen tun kann.“

Man kann erahnen, wie die Iren versuchen werden, in ihrer Gruppe mit Italien, Spanien und Kroatien zu überleben. Es klingt wie eine Ermahnung an seine Kritiker in Irland, wenn er sagt: „Es muss nicht immer das Team gewinnen, das besser spielt. Manchmal muss Fußball sein wie der, den Chelsea gespielt hat im Finale gegen Bayern München.“ Gut möglich, dass Trapattonis Irland bei der EM genauso spielt – wenn nicht noch defensiver.

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