Sport : Der Prediger

Bundestrainer Jürgen Klinsmann legt das Fundament für einen deutschen WM-Titel – im Jahr 2010

Stefan Hermanns

Jürgen Klinsmann ist recht lange unbehelligt geblieben. Mehr als elf Monate hat es gedauert, ehe das deutsche Publikum am Mittwochabend, um exakt 19.52 Uhr, in Klinsmann den Hauptverdächtigen für das schöne Spiel erkannte. Es war bereits der letzte Auftritt der deutschen Fußball- Nationalmannschaft beim Confed-Cup, im Leipziger Zentralstadion lief sogar schon die Verlängerung, als ein bisher unbekannter Ruf ertönte. In der Südkurve fing es an: Jüüür-gen Klins-mann! Dann die Gegentribüne: Jüüür-gen Klins-mann! Und schließlich das komplette Stadion: Jüüür-gen Klins-mann!

Seit elf Monaten trainiert Klinsmann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. 16 Spiele hat sie seitdem bestritten, zehn davon gewonnen, das ist eine sehr erfreuliche Bilanz; doch nie zuvor war der Bundestrainer von den Zuschauern gefeiert worden. Klinsmann ist am Tag vor dem Spiel um Platz drei gegen Mexiko darauf angesprochen worden: Ob er es für unfair halte, dass sein Anteil am Erfolg nicht ausreichend gewürdigt werde, ganz anders als bei seinem Vorgänger Rudi Völler. „Der Rudi ist der Rudi, und der wird er immer bleiben“, hat Klinsmann darauf geantwortet.

Das ist der Unterschied: Völler war als Person so populär, dass nicht einmal der gruselige Auftritt der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2004 seiner Beliebtheit schaden konnte. Klinsmann aber wurde in Leipzig gefeiert, weil das Publikum anfängt, seine Arbeit zu schätzen. Dass die Nationalmannschaft derart attraktiv spielt, ist allein dem Willen und der Vorstellung Jürgen Klinsmanns entsprungen. Es ist eine erfreuliche Transferleistung der deutschen Fans, denen sonst eine eher schlichte Sichtweise auf den Fußball (Hauptsache gewonnen) nachgesagt wird.

„Die Mannschaft hat eine Identität bekommen“, sagt Klinsmann. „Die Fans identifizieren sich mit ihr.“ So einfach hat es die deutsche Nationalmannschaft ihrem Anhang aber auch lange nicht mehr gemacht. Sie ist jung und unverbraucht, mutig, fast wagemutig in ihrer offensiven Denkweise. In keinem der 16 Länderspiele unter Klinsmann ist die Mannschaft ohne Tor geblieben. „Einen sehr emotionalen Fußball“ nennt Klinsmanns Assistent Joachim Löw das, was die Deutschen zurzeit spielen. Er ist das exakte Gegenteil des kontrollierten Geschehens von Rudi Völler, und es ist bemerkenswert, dass elf Monate ausgereicht haben, um einen tief greifenden Stilwechsel herbeizuführen und scheinbar ewige Wahrheiten als Lebenslügen zu entlarven. „Deutschland will nicht mehr Deutschland sein“, hat die holländische Zeitung „De Volkskrant“ über Klinsmanns Revolution geschrieben.

Die deutschen Fußballer mussten erst davon überzeugt werden, dass sie auch offensiv spielen können. Nach dem 4:3 im Auftaktspiel gegen Australien hat Kapitän Michael Ballack sich noch für mehr Defensive und eine bessere Balance ausgesprochen; nach dem 4:3 im Abschlussspiel gegen Mexiko nannte Ballack den neuen Offensivgeist „eine Stärke von uns; die müssen wir auch beibehalten“. Jürgen Klinsmann hat schon jetzt mehr aus dem deutschen Fußball herausgeholt, als in ihm zu stecken schien.

Andere Bundestrainer haben mit der Nationalmannschaft lediglich den Zustand des deutschen Fußballs abgebildet. Klinsmann will den deutschen Fußball verändern – nicht um der Veränderung willen, sondern weil es im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2006 keine Alternative zu diesem Weg gibt. Torhüter Jens Lehmann hat während des Confed-Cups gesagt: „Die Defensive kann man schneller lernen als die Offensive.“ Deshalb lässt Klinsmann die Deutschen jetzt erst mal die Offensive üben.

Der Bundestrainer muss in zwei Jahren das aufholen, was seit dem Gewinn des WM-Titels 1990 vernachlässigt worden ist. Viel zu lange haben sich die Deutschen auf ihre Athletik verlassen und dabei die technische und taktische Schulung ihres Nachwuchses außer Acht gelassen. Nach dem Confed-Cup hat Klinsmann gesagt: „Wir sind der Weltspitze wieder ein Stück näher gerückt. Die Mannschaft ist innerhalb eines Jahres enorm gewachsen.“ Und trotzdem: Bis zur WM im eigenen Land wird die Zeit knapp.

Frankreich war 1993 in einer ähnlichen Situation wie Deutschland im vergangenen Sommer. Nachdem die Mannschaft die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in den USA verpasst hatte, machte sich Nationaltrainer Aimé Jacquet an den radikalen Neuaufbau. Fünf Jahre später holte Frankreich den WM-Titel.

So viel Zeit hat Klinsmann nicht. Die WM im nächsten Sommer kommt wahrscheinlich zu früh. Darüber kann auch der insgesamt positive Eindruck beim Confed-Cup nicht hinwegtäuschen. Den Deutschen fehlt es an internationaler Klasse, wie es sie bei einigen anderen Nationen fast im Überfluss gibt. Brasilien und Argentinien werden bis zum nächsten Sommer kaum schlechter werden und sind schon jetzt beim Confed-Cup vor den Deutschen gelandet. Die europäischen Großmächte Italien, Frankreich, Tschechien und Holland waren gar nicht erst dabei.

Doch selbst, wenn Deutschland 2006 nicht Weltmeister werden sollte, wäre Klinsmann nicht gescheitert. Zum einen, weil er nie gesagt hat, dass er Weltmeister wird, sondern Weltmeister werden will. Zum anderen, weil der deutsche Fußball noch in vielen Jahren von seinem Wirken profitieren kann. „Wir haben eine sehr junge Mannschaft mit großem Entwicklungspotenzial weit über 2006 hinaus“, sagt Klinsmann.

Spieler wie Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, Robert Huth oder Lukas Podolski, alle 20 Jahre alt, werden bei normalem Verlauf ihrer Karrieren erst in fünf bis acht Jahren ihren Leistungshöhepunkt erreichen. Wahrscheinlich hat Deutschland bessere Chancen, 2010 Weltmeister zu werden als schon im kommenden Sommer. Es wäre auch Jürgen Klinsmann zu verdanken. Auch wenn der dann wahrscheinlich gar nicht mehr Bundestrainer ist.

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