Sport : Der Preis des Erfolges

Die Verletzungen der Nationalspieler belasten das Verhältnis von Alba Berlin zur Basketball-Nationalmannschaft

Benedikt Voigt

Berlin. Eines will Marco Baldi nicht hören: Wenn jemand sagt, es sei gut für den deutschen Basketball, wenn ein anderer Klub als Alba Berlin Meister werde. Noch in der Stunde des siebten Meistertitels regte sich der Vizepräsident von Alba Berlin über einen Funktionär des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) auf, dessen Namen er nicht nennen wollte. „Er hat das vielleicht nicht böse gemeint“, sagte Baldi, „aber ich fasse es böse auf.“ Wohlgemerkt, der Angesprochene hat das Unerhörte vor dieser Saison gesagt.

Albas Verhältnis zur Nationalmannschaft wurde in dieser Spielzeit nicht nur durch den Ausspruch des Funktionärs belastet. „Wir wollen uns weiter Nationalspieler leisten, aber wir zahlen auch einen Preis dafür“, sagt Baldi. Jeder Berliner Nationalspieler verletzte sich in dieser Saison mindestens einmal. Für Mithat Demirel, Stefano Garris und Marko Pesic bricht jetzt die erste Regenerationsphase seit der WM-Vorbereitung im Juli 2002 an. Sieht man mal von Verletzungspausen ab. „Wir gehen auf dem Zahnfleisch“, sagte Mithat Demirel nach dem dritten Finalsieg über Bamberg (74:70). Für zwei Nationalspieler war die Saison früher beendet: Jörg Lütcke verletzte sich im Januar, Henrik Rödl im Mai schwer.

Nun aber ruft Bundestrainer Henrik Dettmann seine Spieler bereits in der kommenden Woche zu einem zweitägigen Lehrgang zusammen. „Das ist die Vorbereitung zur Vorbereitung“, sagt Dettmann. Am 26. Juli startet die Trainingsphase für die Europameisterschaft in Schweden (5. bis 14. September). Alba Berlin sieht dieser Zeit mit gemischten Gefühlen entgegen.

„Die Belastung der Nationalspieler ist ein Riesenproblem für uns“, sagt Kotrainer Burkhardt Prigge. „Mithat Demirel muss gesund sein, bevor man ihn da hinschicken kann.“ Der 25-Jährige spielte seit drei Wochen mit einer schmerzhaften Fersenprellung. Albas Kotrainer fordert nun, dass künftig nur gesunde Alba-Spieler für die Nationalmannschaft spielen und trainieren dürfen. Bei der EM 2001 in der Türkei spielte beispielsweise Marko Pesic, obwohl er gerade erst von einem Bänderriss genesen war. Geht es nach Prigge, dürfte es so etwas künftig nicht mehr geben. Der Kotrainer betont allerdings, dass dies lediglich seine persönliche Meinung sei.

Alba Berlin sieht nicht nur die physische Belastung kritisch. „Da ist auch der mentale Aspekt“, sagt Marco Baldi. „Die Spieler kommen zurück von der Nationalmannschaft und haben schon etwas gewonnen – und dann sollen sie im Verein noch hungrig sein? Sehr schwierig.“

Mithat Demirel, Stefano Garris und Marko Pesic zählen bereits zum Kader, der sich in Leverkusen auf die EM in Schweden vorbereiten wird. Jörg Lütcke und Guido Grünheid können sich noch über die A2-Nationalmannschaft qualifizieren. Im vergangenen Jahr stammten zehn von zwölf Nationalspielern, die in Indianapolis die Bronzemedaille gewannen, aus dem Programm von Alba Berlin. „Wir sind die Zulieferer für die Nationalmannschaft“, sagt Baldi. Deshalb erzürnt es ihn, wenn ein Basketball-Funktionär die Leistung der Berliner gering schätzt.

Bundestrainer Henrik Dettmann empfindet das Verhältnis zu Alba Berlin als wechselseitig. „Wir profitieren von Alba, und Alba profitiert von uns“, sagt Dettmann. Er erinnert daran, dass Mithat Demirel und Stefano Garris schon in der Nationalmannschaft Verantwortung trugen, als sie bei Alba noch eine untergeordnete Rolle spielten. Alba Berlin profitiert durch die Erfahrung, welche die Nationalspieler bei der EM 2001 in der Türkei und der WM 2002 in den USA sammelten. „Sie haben bei uns große Spiele gemacht“, sagt Henrik Dettmann.

Die Zeit bis zum Trainingsbeginn am 26. Juli sieht der Bundestrainer als ausreichend für die Regeneration der Berliner Spieler an. „Momentan ist alles im grünen Bereich“, sagt Dettmann. Zumal ein Problem bereits gelöst ist. Der Basketball-Weltverband Fiba schaffte die EM-Qualifikationsspiele im November und Januar ab, sodass die Nationalspieler nun eine Belastung weniger haben. Dettmann begrüßt das nicht, aber er sagt: „Das ist es doch, was die Vereine wollten.“ Erst wenn sich sein Team für die Olympischen Spiele 2004 qualifizieren sollte, drohen neue Terminschwierigkeiten.

Fraglich ist, ob zu diesem Zeitpunkt auch noch Henrik Rödl dabei ist. Bei der EM in Schweden wird Albas Mannschaftskapitän auf jeden Fall fehlen. Doch es könnte noch schlimmer kommen. Der 34-Jährige steht nach einem Bruch des Schienbeinköpfchens vor dem Karriereende. So jedenfalls stellt sich nun wirklich niemand das Ende einer Doppelbelastung vor.

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