Sport : Der Preis des Erfolgs: Tommy Thaler

Benedikt Voigt

Es sind drei Jahre vergangen, seit Thomas Haas in der Umkleidekabine von Roland Garros saß und wartete. Man hatte ihm gesagt, dass ihn jemand zur Pressekonferenz abholen würde, doch dann ließ sich niemand blicken. Nun könnte man annehmen, dass ein 20-jähriger Tennisprofi nach kurzer Wartezeit von selbst auf die Idee kommt, in den Presseraum zu gehen und seine erste Niederlage gegen Nicolas Kiefer zu erklären. Es gibt aber noch eine zweite Möglichkeit. "Um mich hat sich niemand gekümmert", erinnert sich Thomas Haas, den alle nur Tommy nennen, "ich habe eine Stunde in der Kabine gewartet." Dann fuhr er ins Hotel.

In diesen Tagen sitzt Thomas Haas, inzwischen 23-jährig, in seinem Haus in Bradenton, Florida, und wartet schon wieder, dass ihn jemand abholt. Um ihn zum besten Tennisspieler der Welt zu machen. So läuft das nämlich schon sein ganzes Leben. Immer kommt jemand, holt ihn ab, und bringt ihn dem großen Erfolg näher. Und dieser stellte sich ja auch ein: Turniersiege in Memphis und Adelaide, eine olympische Silbermedaille in Sydney und eine Halbfinalteilnahme bei den Australian Open sind die sportlichen Höhepunkte seiner Karriere. Sein Preisgeld summiert sich inzwischen auf 3 245 555 Dollar, in seiner Wahlheimat Florida kann er sich ein paar schnelle Autos leisten. In der Garage stehen ein Porsche 911 und zwei Ferraris. Thomas Haas hat Erfolg, doch für diesen hat er auch einen Preis bezahlt. Und eigentlich zahlt er ihn noch immer.

Der erste Mensch, der ihn abholte, war sein Vater, Peter Haas. Thomas war gerade drei Jahre alt, als der Tennislehrer begann, ihm die Filzbälle entgegen zu werfen. Später schickte er ihn ins Trainingscamp zu Nick Bollettieri nach Florida. Mit neun Jahren. Das war sogar dem Tennis-Wunderkind ein bisschen zu früh, und so kehrte Thomas Haas nach zehn Tagen wieder zu seinen Eltern nach Freising bei München zurück. Mit zwölf Jahren aber verließ er endgültig das Elternhaus und zog zum zweiten Mal in das Tenniscamp in Bradenton. Auch hier gab es Personen, die ihn abholten. Nick Bollettieri, der sein Ersatzvater werden sollte, und seine drei Jahre ältere Schwester Sabine, die damals ebenfalls eine Profikarriere anstrebte, mit ihm ging, und im fernen Florida den Haushalt führte. Seine Erziehung aber kannte nur ein Thema: Tennis. "Ich möchte ein Star sein", sagte er als 15-Jähriger. "Ein Tenniswunderkind ohne Kindheit", nannte ihn die "Süddeutsche Zeitung".

Weil aber die Ausbildung teuer war, ersann Peter Haas ein seltsames Finanzierungsmodell für seine Kinder. Er gründete die "Tennistalentförderung GmbH & Co.KG", in der 15 Geldgeber, etwa der "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort, bis 1995 insgesamt 750 000 Mark einzahlten. Dafür erhielten sie das Recht bis zum Jahr 2004 mit 15 Prozent an allen Einnahmen der beiden Kinder beteiligt zu sein. Peter Haas machte seine Sohn damit zu einem tennisspielenden Timm Thaler. Er hat dessen Talent verkauft. Erst in letzter Zeit, ist ihm das auch aufgefallen, denn inzwischen stellte er die Zahlungen an die ehemaligen Unterstützer ein. Sein Anwalt bezeichnet das Modell, das Vater Haas einst selbst erfunden und durch mehrere Anwälte überprüfen ließ, als Verstoß gegen die guten Sitten. "Etwas Vergleichbares hat man zuletzt im alten Rom auf Sklavenmärkten gesehen." Die Gläubiger vermuten allerdings einen nicht ganz so moralischen Grund hinter dem Zahlungsstopp. "Es ist ihm wohl eine Null zu viel geworden", sagt einer der Talentförderer. Inzwischen haben die ehemaligen Geldgeber den Tennisprofi verklagt. Für das Jahr 1999 fordert die Gemeinschaft der einstigen Förderer insgesamt eine Million Mark. Ein ziemlich konkreter Preis, den Thomas Haas für seinen Erfolg zahlen muss.

Doch viel tragischer ist wahrscheinlich, dass der frühe Erfolg Thomas Haas bequem gemacht hat. "Ich bin keiner, der hart trainiert", gibt er zu, "manchmal war ich auch ein bisschen faul." Morgens und nachmittags steht er für eineinhalb Stunden auf dem Platz. "Wenn ich unterwegs bin, ist es noch ein bisschen relaxter." Der Sonnyboy lebt von seinem Talent, dass ihn zweifellos weit gebracht hat. Momentan weist ihn die Weltrangliste auf Rang 20 aus. Doch für ganz oben reicht es nicht, und das war doch immer sein Ziel. In Wimbledon musste Haas wegen einer Magenverstimmung und einem Rückenleiden in der ersten Runde aufgeben. Seit eineinhalb Jahren streikt sein Rücken gelegentlich, nie hat er die Verletzung richtig behandeln lassen. Manche nennen seine Einstellung unprofessionell. Wenn es ein Problem gibt, fährt er lieber zurück nach Florida - zu Ferrari und Freundin.

Und so sitzt er momentan wahrscheinlich wieder in seinem Haus in Florida, und wartet, dass ihn jemand abholt. Und, wenn er ganz viel Glück hat, kommt irgendwann Thomas Haas vorbei.

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