Sport : Der Preis des Erfolgs: Zweiter Schlag in die Magengrube

Roger Repplinger

An Weihnachten hatte er es noch einmal probiert. "Doch das Knie wurde dick, und ich habe gemerkt: Ich habe keine Kraft mehr, es weiter zu versuchen", sagt Karsten Bäron. Das war das Ende.

Der Anfang war im Februar 1993. Hamburger SV beim VfB Stuttgart. "Ich glaube, es war mit Andreas Buck", sagt Bäron, der Ex-HSV-Profi, "aber es war kein Foul - es war ein Unfall." Nach dem Spiel spürte er ein Ziehen in der Kniekehle. Er trainierte drei Tage nicht, spielte aber weiter. "Ein Fehler", heute weiß er es. Ende 1993 zog es stärker. Folge: Die erste von sieben Operationen. Meniskus. "Sieben Operationen hört sich dramatischer an, als es ist, die Hälfte waren Kniespiegelungen", sagt Bäron. Heute hat er einen Knorpelschaden, und das ist dramatisch. Er kann mit seinen Töchtern Antonia und Franziska radeln, "aber ein längerer Spaziergang ist schon kritisch", sagt er.

Stürmer Karsten Bäron war eines der ganz großen Talente des deutschen Fußballs. 1992 zum HSV gewechselt, rasch Stammspieler, U-21-Nationalspieler, Tore. Aber auch Knieschmerzen, Comebacks und wieder Knieschmerzen. Die letzten Spiele im Volkspark-Stadion, Dezember 1999, gegen den MSV Duisburg, und im Mai 2000 gegen die SpVgg Unterhaching. Nun das wirklich letzte: Abschiedsspiel am 24. Juli in Hamburg, gegen Bayern München. Auch Frank Niemann kommt. Der Postbote aus Westbevern bei Münster. Der in Stadien auf der ganzen Welt sein sechs Meter breites und ein Meter hohes "Air Bäron"-Plakat hängt. Bäron und Niemann sind befreundet. "Er wird das Plakat weiter aufhängen", sagt Bäron, "auch wenn ich nicht mehr spiele." Aber Niemann wird beim Spiel innerlich weinen. Heulen wie ein Schlosshund. Und Bäron, der vermutlich auch.

Und ein paar Tränen vergießt er auch aus Verzweiflung. Denn seine Versicherungen zahlen nicht. Die Auseinandersetzung mit der Berufsgenossenschaft um die Frage der Berufsunfähigkeit hat Bäron in letzter Instanz verloren. Es gibt eine Videoaufnahme von der entscheidenden Spielsituation. Die Gutachter sagten, und die Gerichte glaubten ihnen, dass sich Bäron in dieser Szene keinen Meniskusschaden geholt haben kann. Auch die Privatversicherung will nicht zahlen. Sie stützt sich auf Gutachter, die behaupten, "dass Meniskusschäden bei Fußballprofis nicht als Berufskrankheit gelten können", sagt Bäron. Der Erlös aus dem Abschiedsspiel geht an ihn, immerhin.

"Diese Auseinandersetzungen fressen mich auf", sagt Bäron. Es ist wie ein zweiter Schlag in die Magengrube, nachdem der erste noch nicht verdaut ist. Schon, dass er nicht mehr spielen kann, allein dieser Gedanke macht ihn schon fertig. Monika, seine Frau, hat alle Bilder, die ihren Mann als Spieler zeigen, weggeräumt. Er sieht kein Fußballspiel, weder live noch im Fernsehen, bis auf die der B-Jugend des HSV, er geht nicht gern auf die Trainingsanlage Ochsenzoll, wo er acht Jahre trainiert hat. Natürlich nicht, dort erinnert ihn "alles daran, wie schön es hätte sein können".

Aber die Sache mit den Versicherungen ist noch schlimmer. "Weil die Existenz der Familie bedroht ist, weil nicht klar ist, ob mir eine Umschulung bezahlt wird, weil es um einen Batzen Geld geht, der uns Sicherheit geben würde."

Er bekam 1994, damals 20 Jahre alt, einen Dreijahresvertrag beim HSV. Knapp eine Million Mark pro Jahr. Als die Pausen länger und die Saisoneinsätze seltener wurden, hat Bäron nicht mehr annährend so gut verdient. "Wenn das Abschiedsspiel nicht wäre, wüsste ich nicht, wie lange ich die jetzige Situation finanziell durchstehen kann.". Klingt das zu jammernd, bei einem früheren Großverdiener? Klar ist: Es gibt, trotz allem, schlimmere Fälle.

Als Bäron sich entschieden hatte, aufzuhören, fiel er in ein Loch. Psychisch. Obwohl er Zeit hatte sich vorzubereiten. Im Sommer 2000 hatte er mit HSV-Trainer Frank Pagelsdorf gesprochen. Bäron sagte: "Es geht nicht mehr." Doch dann probierte er noch eine andere Therapie. Obwohl er eigentlich wusste, dass sie sinnlos war. Als er endgültig aufgab, war es doch "puh - schwer, sehr schwer", sagt Bäron. Drei trugen mit: Franziska, Antonia, die Töchter, und seine Frau Monika. Die sagte immer: "Es geht weiter."

Nur wie? Er ist arbeitslos und trainiert umsonst die B-Jugend des HSV. Und natürlich sucht er nach Erklärungen. Warum er? "Aber das fragen sich viele: Warum bin ausgerechnet ich arbeitslos? Bäron sagt, "dass es einen Sinn hat". Welchen? "Das weiß man immer erst hinterher." Und noch ist nicht "hinterher". Noch nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben