Sport : Der preußische Afrikaner

Solange Roque Santa Cruz von den Bayern keine Freigabe erhält, muss Hertha auf Nachwuchsstürmer wie Solomon Okoronkwo hoffen

Stefan Hermanns

Berlin - Den Ausflug nach Utrecht hätte sich Dieter Hoeneß auch sparen können. Der Manager von Hertha BSC war am Samstag zum Finale der U-20-Weltmeisterschaft in die Niederlande gereist, um Solomon Okoronkwo zu beobachten. Hoeneß musste ziemlich lange warten, ehe er den Stürmer seines Klubs auf dem Platz zu sehen bekam. In der 85. Minute wurde Okoronkwo eingewechselt, dem Spiel aber konnte er auch keine Wende mehr geben. 1:2 verloren die Nigerianer gegen Argentinien. „Solomon war schon sehr enttäuscht“, sagt Dieter Hoeneß.

Immerhin hat das Ergebnis einen positiven Nebeneffekt für Herthas Trainer Falko Götz: „Ich würde Solomon gerne mit ins Trainingslager nehmen. Das wäre schwierig geworden, wenn Nigeria Weltmeister geworden wäre.“ Der Erfolg hätte vermutlich ausgedehnte Jubelfeiern in der Heimat nach sich gezogen. Trotz der Finalniederlage ist Okoronkwo gestern mit der Mannschaft nach Nigeria geflogen. Er hat eine Woche frei und soll am Montag nach Europa zurückkehren.

Ein Trainingslager mit Hertha hat Okoronkwo schon miterlebt, das war im vergangenen Jahr. Er wohnt seit 15 Monaten im Internat des Berliner Fußball-Bundesligisten, trainiert seitdem mit den Profis und wird trotzdem als erste Verpflichtung für die neue Saison geführt. Hertha durfte den Nigerianer nach den Regularien des Weltfußballverbandes Fifa erst zum 1. Juli, nach seinem 18. Geburtstag, unter Vertrag nehmen. Abgesehen von den Juniorenländerspielen mit Nigerias U 20 hat Okoronkwo seit mehr als einem Jahr kein Pflichtspiel mehr bestritten. Trotzdem erhoffen sich die Berliner einiges von ihm. „Er hat alle Voraussetzungen“, sagt Dieter Hoeneß. „Man darf aber auch nicht vergessen: Er ist im März erst 18 geworden.“ Dennoch hat ihm Hertha einen von nur noch vier Plätzen für Nicht-EU-Europäer freigehalten, und wenn Götz oder Hoeneß zu den Problemen im Sturm und möglichen Verpflichtungen befragt wurden, haben sie immer darauf hingewiesen, dass da ja auch noch Solomon Okoronkwo sei. „Ich bin begeistert, wie der sich reinhaut“, sagt Götz.

Okoronkwo hat schon in der Rückrunde der vorigen Saison bei Hertha mittrainiert. Der damalige Trainer Hans Meyer hat „noch nie einen so preußischen Afrikaner gesehen“. Okoronkwo sei einer, „der nicht rumjammert, sondern austeilt und bei jedem Zweikampf seinem Gegenspieler weh tut“. Seine Kollegen haben das im Training oft genug erfahren. Dieter Hoeneß bescheinigt Okoronkwo „eine gesunde Aggressivität“, und auch mental sei er ein robuster Kerl. „Er hat Biss, und er quält sich“, sagt Herthas Manager.

Immerhin hat Okoronkwo mit 17 seine Heimat verlassen und seine Familie seitdem nur ein einziges Mal gesehen. Die Mitarbeiter von Herthas Geschäftsstelle haben sich recht intensiv um ihn gekümmert, damit Okoronkwo nicht unter Heimweh leidet. Zu seinem 18. Geburtstag haben sie eine Überraschungsparty organisiert, und seinen Besuch beim Finale der U-20-Weltmeisterschaft will Hoeneß auch als „eine Geste Solomon gegenüber“ verstanden wissen.

Herthas Manager glaubt, dass der 18-Jährige schon in dieser Saison in der Bundesliga seine Einsätze haben wird, „man sollte ihn aber auch nicht überfrachten mit irgendwelchen Erwartungen“. Doch möglicherweise wird sich Okoronkwo schon viel früher beweisen müssen, als es seiner Entwicklung zuträglich ist. Die Chance, dass die Berliner ihren Wunschstürmer Roque Santa Cruz schon zur neuen Saison bekommen, werden immer geringer. Wahrscheinlich wird er beim FC Bayern München bleiben müssen. Dessen Trainer Felix Magath hat zum Trainingsauftakt des Deutschen Meisters über den Stürmer aus Paraguay gesagt: „Ich erwarte sehr viel von Roque. Er ist wie ein neuer Spieler für mich.“ Beim 11:0-Testspielsieg der Bayern gegen den Kreisligisten SV 1880 München erzielte Santa Cruz fünf Tore.

Falls die Bayern Santa Cruz nicht freigeben, hat Hoeneß zwei Alternativkandidaten im Auge. „Wir haben noch acht Wochen Zeit“, sagt er. Das wäre bis zum letzten Tag der Transferperiode am 31. August und könnte bedeuten, dass Hertha mit dem alten und nicht besonders erfolgreichen Sturm in die Saison geht: mit Nando Rafael, sechs Tore, und Artur Wichniarek, ein Tor. Hinzu kämen Okoronkwo und die Regionalligaspieler Ashkan Dejagah, 18 Jahre, und Sejad Salihovic, 20, die bereits für die Profis gespielt haben. „Ich mach mir schon meine Gedanken“, sagt Trainer Falko Götz. „Nur mit jungen Spielern kannst du es auch nicht reißen.“

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