Sport : Der Qualifikant

Tine Lehnertz

"Guy!", ruft Winfried Schäfer. "Nach rechts rüber!" Das Gebrüll des neuen Trainers der kamerunischen Nationalelf ist bis weit außerhalb des Trainingsplatzes in Leverkusen zu hören. Doch ob der Fußballer Guy Feutchine auch weiß, was sein Coach da eigentlich von ihm will, das ist weniger klar. Der kamerunische Kicker spricht zwar Französisch, weil das in seinem Heimatland Amtssprache ist. Und er spricht Polnisch, weil er schon mal für einen polnischen Klub gespielt hat. Deutsch kann Feutchine nicht. Deutsch kann in Kameruns Nationalelf keiner.

Doch Winfried Schäfer hat keine Angst vor Kommunikationsproblemen. "Ich kann Englisch", sagt er. Der Cheftrainer fegt jeden Zweifel und den zaghaften Hinweis auf den französischsprachigen Hintergrund der meisten kamerunischen Kicker energisch hinweg. "Außerdem gibt es ja auch einen Dolmetscher."

Doch auf dem abgelegenen Trainingsplatz, eigentlich ein Rasen des Hockeyclubs RTHC Leverkusen, bleibt der Dolmetscher erst einmal arbeitslos. Winfried Schäfer hat auf Körpersprache umgeschaltet. Mit mal wild wedelnden Armen, dann wieder mit einer wie zum Sprung bereiten Haltung, versucht er die Spielzüge und das Tempo seiner Mannschaft zu beeinflussen.

Im Müngersdorfer Stadion, wo die Unbezähmbaren Löwen, so der offizielle Spitzname des kamerunischen Teams, unter anderem ein Testspiel gegen den 1. FC Köln absolviert haben, ist Winfried Schäfers Gestik eindeutig. Beim Einzug der Mannschaft ins Müngersdorfer Stadion wendet sich der deutsche Trainer minutenlang dem kamerunischen Fan-Block zu und hebt stolz die Arme. Winfried Schäfer ist wieder wer.

Nach dem Fiasko bei Tennis Borussia, dem letzten Verein des neuen kamerunischen Coaches, und der 15-monatigen Arbeitslosigkeit, ist er voller Euphorie: Afrika ist wunderbar, sagt er jedem, der es hören will, die Kameruner sind ein stolzes Volk und ihre Kicker der Traum eines jeden Trainers. Befragt mal von deutschen, dann wieder von afrikanischen Journalisten, entschlüpft ihm kein kritisches Wort zum neuen Arbeitgeber. Statt dessen spricht er schon auffällig oft von "wir", wenn er Kamerun, aber auch, wenn er Afrika meint.

Es muss zum Schluss schlimm gestanden haben um den einstigen Erfolgstrainer des Karlsruher SC. Erst der sportliche Misserfolg bei Tennis Borussia, dann die schmähvolle Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht und schließlich das monatelange Däumchendrehen. Zwar will Winfried Schäfer in dieser Zeit zahlreiche Angebote von Vereinen bekommen haben. Namen aber nennt er lieber nicht mehr. Denn selbst bei Rot-Weiß Oberhausen, nicht gerade der Gipfel deutscher Fußballkultur, haben sie behauptet, dass Schäfer sich über die Medien selbst als Kandidat ins Spiel gebracht, der Verein aber nie Interesse an ihm gehabt habe.

Kamerun kommt für so Einen wie gerufen. Spätestens seit ihrem Überraschungsauftritt bei der WM 1990 in Italien gelten die Westafrikaner auch international als respekteinflößend. Sie sind Afrikameister und Olympiasieger. Außerdem haben sie sich längst auch für die Weltmeisterschaft 2002 qualifiziert. Winfried Schäfer hat also etwas, das Rudi Völler nicht hat - jedenfalls noch nicht: Das Ticket für Japan und Südkorea.

Und Winfried Schäfer hat in Afrika die Chance auf einen Neuanfang. Ein Unbekannter ist der ehemalige Mönchengladbacher Profi auch dort nicht. "Klar", sagt Bill Tchato, kamerunischer Verteidiger beim französischen Erstligisten SC Montpellier, sei ihm der Name Winfried Schäfer auch vor dessen Verpflichtung als Nationalcoach geläufig gewesen: "Der kommt aus der Bundesliga, und als Trainer hat er Olli Kahn entdeckt."

Trotzdem wird das kein leichter Job für Winfried Schäfer. "Ich bin der fünfte Nationaltrainer in diesem Jahr", sagt er. Die Position eines Fußball-Trainers ist in Afrika noch weniger sicher als anderswo. Denn der Fußball wird dort von den Politikern als Chefsache betrachtet. Entsprechend mischen sie sich ein. So wurde zum Beispiel der Altstar Roger Milla auf Geheiß des kamerunischen Präsidenten Paul Biya immer wieder reaktiviert. Der Trainer durfte das dann abnicken.

Dass es hinter den Kulissen des kamerunischen Fußballverbandes nicht immer geordnet und harmonisch zugeht, lässt auch Kay Habermaier, Mitarbeiter bei der Sportartikelfirma Puma, dem Sponsor der Unbezähmbaren Löwen, durchblicken. Bislang seien die Trainingsbedingungen, aber auch die übrige Organisation der kamerunischen Nationalmannschaft eher chaotisch gewesen. Weil Puma im Vorfeld der kommenden WM jedoch auf das bunte Image der kamerunischen Kicker setzt - ein entsprechender Werbespot im Comic-Stil läuft schon jetzt auf dem Musiksender MTV - habe man sich in der Hoffnung auf Besserung nicht nur für die Beschäftigung von Winfried Schäfer, sondern auch für die organisatorische Unterstützung durch den Deutschen Fußball-Bund eingesetzt.

Bis jetzt hat Schäfer noch Schonfrist. Auch wenn die Ergebnisse der Kameruner in Deutschland wenig berauschend waren. Gegen den abstiegsgefährdeten Bundesligisten 1. FC Köln und den Zweitligisten MSV Duisburg gab es jeweils ein 1:1. Die eigentliche Bewährungsprobe jedoch beginnt im Januar 2002, wenn Kamerun beim Afrika-Cup in Mali den Titel verteidigen muss. "Derzeit habe ich jede Unterstützung durch die kamerunischen Sportfunktionäre", sagt Winfried Schäfer. "Doch wenn der Erfolg ausbleibt, dann gibt es natürlich auch hier Probleme."

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