Sport : Der Rätselhafte

Morgen beginnt die Vierschanzentournee – aber Martin Schmitt springt nur noch hinterher

Benedikt Voigt

Oberstdorf. Wenn Martin Schmitt in den letzten Wochen auf eine Sprungschanze kletterte, hatte er stets ein Fragezeichen dabei. Groß und weiß prangte es auf seinem lila Helm. Es sollte ein Werbegag seines Hauptsponsors sein, der bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf unter dem Motto „das Geheimnis des Winters“ aufgelöst werden soll. Selten aber passte eine Werbekampagne besser als bei Martin Schmitt. Selbst wenn der Skispringer mit seinem Rätsel-Helm längst aus dem Auslaufbereich verschwunden ist, bleibt nach den Sprüngen des deutschen Mannschafts-Olympiasiegers bei vielen Zuschauern nur ein großes Fragezeichen: Was ist mit Martin Schmitt los?

Immer schlechter wird seine sportliche Leistung. Zuletzt beendete Martin Schmitt das Springen in Engelberg auf Rang 31. „Mit der Zeit ist es anstrengend, immer Geduld zu üben“, sagt Schmitt, „ich brauche mal ein kleines Erfolgserlebnis, dann ließen sich die schlechten Sprünge eher verkraften.“ Das soll sich nun am 29. Dezember beim ersten Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf einstellen. „Ich hoffe, dass ich während der Tournee eine gute Form habe“, sagt Schmitt, „mit der Vierschanzentournee geht die Saison erst richtig los, das ist der zweite Startschuss, bei dem man immer ein bisschen aufgeregter ist.“

Die Schattenberg-Schanze in Oberstdorf liegt dem 25-Jährigen eigentlich. 1998, 1999 und 2000 gewann er jeweils das Auftaktspringen der Tournee. Doch das war noch zu einer Zeit, als Martin Schmitt zur Weltspitze gehörte.

Seit knapp zwei Jahren ist es vorbei mit den großen Sprüngen. Im Februar 2002 bescherte er dem deutschen Team bei den Olympischen Spielen mit seinem entscheidenden Sprung die Goldmedaille, im März 2002 gewann er letztmalig ein Weltcupspringen. Dann stellten sich Knieprobleme ein, die ihn im Weltcup zurückwarfen. Inzwischen rangiert Schmitt im aktuellen Gesamtweltcup auf Rang 22. Der ehemalige Sportler des Jahres in Deutschland ist damit im eigenen Team nur noch die Nummer vier. Sven Hannawald (7.), Michael Uhrmann (13.) und der Youngster Maximilian Mechler (18.) rangieren vor ihm. Immer schlechter werden Schmitts Ergebnisse auch in diesem Winter. Er beendete die bisherigen Weltcupspringen auf Rang 9, 20, 23 und 31.

Seit seiner Knieoperation im August 2002 kommt Schmitt sportlich nicht mehr auf die Beine. „Natürlich muss man Rücksicht auf seine Verletzungsprobleme nehmen“, sagt der ehemalige Bundestrainer Reinhard Heß, „aber er springt momentan einfach schlecht.“ Schon beim Absprung verliere er gegenwärtig 20 Meter. Neben technischen Unzulänglichkeiten werfen ihn auch mentale Probleme zurück. „Sicher ist das Selbstbewusstsein nicht mehr so wie in der Phase, als die Erfolge da waren“, sagte Schmitt vor Saisonbeginn.

Obwohl die Leistung rückgängig ist, kürte ihn der neue Bundestrainer zum neuen Mannschaftskapitän. Wolfgang Steiert sagt: „Martin Schmitt ist ein Teamchef im Team.“ Er sei der reifste seiner Springer. Der drei Jahre ältere Sven Hannawald ist für diese verantwortliche Rolle im deutschen Team nicht so gut geeignet. „Wenn der Sven nicht um 13 Uhr sein Mittagessen kriegt, wird er grantig.“

Bei Schmitt aber sind inzwischen die Ergebnisse in der Lage, ihn zu ärgern. Zumal er schon einmal dort war, wo alle hinwollen. 1999 und 2000 gewann er den Gesamtweltcup. „Wenn man oben war, möchte man wieder nach oben“, sagte Schmitt der „Süddeutschen Zeitung“ vor Saisonbeginn, „man senkt ja nicht seine Ansprüche.“ Er sei davon überzeugt, nach wie vor ein Springen gewinnen zu können.

Immer noch ist Martin Schmitt nach Sven Hannawald der Star im deutschen Team. Doch es gibt Anzeichen, dass sein Status bröckelt. Der Skiverband stufte ihn aus dem A-Kader in den B-Kader zurück. Falls seine Formkrise auch während der Vierschanzentournee anhalten sollte, sagte ein DSV-Insider gegenüber dpa: „Ich weiß nicht, wie lange er dann noch die volle Rückendeckung genießt.“ Immerhin hält sein Hauptsponsor noch zu ihm. Schmitt freut sich. „Es ist super, dass ich von dieser Seite her Ruhe habe.“

Allerdings ist fraglich, ob sein Geldgeber ihm mit der aktuellen Kampagne einen Gefallen getan hat. Wer läuft schon gern mit einem dicken Fragezeichen vor der Stirn durch die Gegend und weist unfreiwillig jeden Betrachter auf seinen unbefriedigenden Zustand hin: als Rätsel, das seiner Auflösung harrt.

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