Sport : Der Rausch der schnellen Pferde

Was ist spannend daran, die Traber im Kreis laufen zu sehen? Ein Besuch bei der Derbywoche auf der Rennbahn

Jeannette Krauth

Berlin - Die Szene erwacht, sobald die Pferde die Bahn betreten. Zack, heben die Zuschauer ihre Köpfe und blicken auf die Rennstrecke. Oder vielmehr auf die Leinwand in Mitte der Bahn, denn wie bei einem Konzert sieht man darauf mehr, als wenn man sich die Hauptdarsteller direkt anschaut. Für zwei Minuten Rennen oder 1900 Meter trennen sich alle Zuschauer von der Lektüre des Programmhefts, vom Fachgespräch mit dem Nachbarn oder vom Bildschirm mit den Rennergebnissen aus den USA.

Die Pferde starten, eine Runde laufen sie, dann die zweite, werden immer schneller, und die Zuschauer enthusiastischer. Erst stellen sie sich auf die Zehenspitzen, fuchteln aufgeregt mit einem Arm in der Luft, und in der letzten Kurve vor dem Ziel schreien sie. „Voran!“ oder „Los, zieh!“. Der Nachbar bekommt einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter. Doch die Stimmung wechselt schnell: Nach zehn Minuten ist die Aufregung vorüber. Die Trabrennszene philosophiert wieder, der eine still für sich, der andere am Tresen.

Stefan Mensah meint, den Lauf dieser besonderen Welt prophezeien zu können. „Zu sechzig Prozent liege ich richtig mit meinen Wett-Vorhersagen“, sagt der Mann, der seit zwanzig Jahren jede freie Minute mit Trabrennsport verbringt. Unter dem Synonym „onestep“ ist er in Trabrennsport-Foren bekannt für seine Renntipps. Diese gibt es auch als „Wetter“-Vorhersage auf dem Handzettel in Mariendorf. Stefan Mensahs großflächiges Gesicht mit der silber gerahmten Brille kennt hier jeder.

Der Fachmann sitzt vor dem Teehaus, einem hohen Gebäude aus den Achtzigerjahren. Es ist der Treffpunkt für die Wetter aus Leidenschaft. Auf Hockern sitzen sie und starren auf die mehr als fünfzig Bildschirme, auf denen Rennen aus aller Welt live übertragen werden. Dabei hat das Haus bodentiefe Glasscheiben, durch die man auf die Rennbahn schauen kann. Auf den Schirmen sind einzelne Pferde vor dem Sulky zu sehen, und darunter werden Spüche eingeblendet, etwa: „Der gibt nie auf, immer einen Tipp wert.“

Stefan Mensah meint, als Wett-Anfänger sollte man auf sein Bauchgefühl hören. „Einfach die Pferde in der Parade anschauen und dann spontan entscheiden“, sagt er. Eine Parade nennt man es, wenn die Pferde mit ihren Sulkys und Fahrern ein paar Runden auf der Bahn drehen, bevor das Rennen losgeht.

Jede halbe Stunde startet ein Rennen, jetzt gleich wieder, der „Preis der 3B Dienstleistungen“, 1000 Euro bekommt das Siegerpferd. Favorit ist Richelieu, und weil das Bauchgefühl sagt, dass es spannender ist, auf den Konkurrenten zu wetten, wird wagemutig ein Euro auf die Nummer neun, Alf de Vie, gesetzt. Ein niederländischer Hengst. Lang ist sein Körper, er ist braun mit deutlich zu erkennenden Muskeln. Kraft in jeder Bewegung, das sollte doch klappen. Die Quotentafel in Mitte der Rennbahn zeigt an: 9-15. Das bedeutet, dass man, wenn man zehn Euro auf Alf mit der Startnummer 9 gesetzt hat, 15 Euro wiederbekommt. Alf muss allerdings gewinnen.

Es gibt noch einen Geheimtipp: Kostenlos kann man während eines Rennens in einem Auto parallel zur Rennstrecke im Inneren der Bahn mitfahren. Nur wenige Meter liegen zwischen dem Auto und den Pferden, nur von hier aus sieht man das Zaumzeug und hört das Donnern der Hufen trotz der Motorgeräusche. Alf kommt gut weg, reiht sich ein unter den ersten Vier. Dann passiert es: Der Favorit, Richelieu, springt in den Galopp! Das ist verboten, er ist disqualifiziert. Auf der letzten Geraden zeigt der Tacho des Autos fast 55 Stundenkilometer. Alf liegt Kopf an Kopf mit Apollo As. Gerten klatschen auf die Startnummern der Pferde. Um Nasenlänge verliert Alf gegen Apollo. Dabei sieht dieser so zart aus wie ein Ponyfohlen – im Vergleich zum Muskelmann Alf. Vielleicht liegt es ja an dem „As“ in seinem Namen, das für den Züchter Alwin Schockemöhle steht.

Am nächsten kommt man den Pferden aber in den Stallungen. Hier darf man hineinspazieren und beim Einspannen oder Putzen der Pferde zuschauen. Auf internationalen Dressur- oder Springturnieren sind die Stallungen abgesperrt. Das Unmittelbare ist das Besondere am Trabrennsport. Dieser war immer „der Sport des Mittelstands“, erzählt Andreas Gruber, der Sprecher des Berliner Trabrenn-Vereins. „Anfang des 20. Jahrhunders war es beispielsweise der Metzger, der sich einen Traber kaufte.“ Pferdebesitzer sind heute auch Prominente, etwa die ehemalige Tennisspielerin Anke Huber und der Fußballer Mario Basler.

Vielleicht trifft man beide am Sonntag zum Fachplausch in den Ställen, genauso wie Ulrich Mommert, den Präsidenten des Berliner Trabrenn-Vereins. Der tippt für das heutige Derby: „Höchstens Ulf H Limburgia könnte Unforgettable schlagen.“ Dessen Namen raunt man schon seit Tagen überall auf der Trabrennbahn. Unforgettable scheint ein sicherer Sieger zu sein. Mal sehen. Vielleicht düst auch an ihm so ein Ponygesicht vorbei, mit dem keiner gerechnet hat.

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