Sport : Der Reformator

Jürgen Klinsmann hat mehr Macht als jeder Bundestrainer vor ihm – Kritik an ihm gibt es trotzdem kaum

Stefan Hermanns

Seit etwas mehr als hundert Tagen ist Jürgen Klinsmann Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Das hat gereicht, um im Deutschen Fußball-Bund einige Unruhe auszulösen. Im Grunde, so hatte Klinsmann vor seinem Amtsantritt über den DFB gesagt, müsse man den ganzen Laden auseinander nehmen. So, wie es aussieht, scheint er das ernst gemeint zu haben. Fünf Fragen zu Klinsmanns Reformeifer:

Was sagt die Entlassung Sepp Maiers über das System Klinsmann?

Zunächst einmal sagt die Angelegenheit eine Menge über Sepp Maier. Als er sich öffentlich für Kahn und gegen Lehmann aussprach, hat Maier seine Befugnisse überschritten. In der Bundesliga würde jeder Torwarttrainer für eine ähnliche Äußerung entlassen werden. Klinsmann hat Maiers Intervention völlig zu Recht als Einmischung in seine Kompetenzen verstanden. Dass er auf so etwas empfindlich reagiert, hat sich schon im Sommer gezeigt, als Klinsmann eine Zusammenarbeit mit dem vom DFB bestellten Kotrainer Holger Osieck abgelehnt hat. Stattdessen holte er Joachim Löw an seine Seite.

Klinsmann hat die ungeschickten Aussagen Maiers dazu genutzt, seinen Mitarbeiterstab neu zu ordnen. Mit Andreas Köpke stößt nun vermutlich ein weiterer Vertrauter hinzu, der wie Klinsmann, Oliver Bierhoff und der neue U-21-Trainer Dieter Eilts 1996 Europameister war. Uli Hoeneß, der Manager von Bayern München, hat Klinsmann und Bierhoff in einem Interview mit der „TZ“ davor gewarnt, „dass hier Vetternwirtschaft entsteht, dass hier zwei drei Leute auf Kosten von anderen ihre Freunde etablieren“. DFB-Direktor Bernd Pfaff, der frühere U-21-Coach Ulli Stielike, Bundestrainer Michael Skibbe und Maier sind von Klinsmann mehr oder weniger entmachtet worden. Dem DFB bleibt nur noch, diesen Prozess möglichst sozialverträglich zu gestalten. Pfaff, Stielike und Skibbe sind weiter beim Verband beschäftigt. „Das angebliche Großreinemachen ist menschlich anständig abgelaufen“, sagt der designierte Präsident Theo Zwanziger.

Gefährdet der Torwartstreit Klinsmanns Pläne?

Warum sollte er? Die Entlassung Maiers ist auch eine Warnung an die beiden Torhüter Lehmann und Kahn, sich jetzt endlich mit öffentlichen Äußerungen über den jeweiligen Konkurrenten zurückzuhalten. „Die beiden haben die Schnauze zu halten“, sagt Teammanager Bierhoff. Klinsmann ist in der Tat in einer luxuriösen Situation: Er hat zwei so gute Torhüter, dass er in der Not auf einen verzichten könnte.

Was sagen Klinsmanns Kritiker?

Welche Kritiker? Es gibt im Moment nur einen, der sich traut, öffentlich gegen Klinsmann aufzubegehren. Das ist Lothar Matthäus. Der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft hat nach Maiers Entlassung über seinen ehemaligen Mitspieler Klinsmann gesagt: „Er ist ein Killer.“ Etwas Besseres kann dem neuen Bundestrainer gar nicht passieren. Matthäus arbeitet im Moment mit Nachdruck daran, sich lächerlich zu machen. Er wäre selbst liebend gern Bundestrainer geworden, und aus jedem Angriff gegen Klinsmann spricht vor allem seine tiefe Verbitterung.

Solange die Nationalelf erfolgreich spielt, liefe aber selbst fundierte Kritik ins Leere – auch wenn Klinsmann durch sein bisheriges Verhalten abseits des Fußballplatzes genügend Angriffsflächen bietet. Zum Beispiel in der Debatte um das Quartier bei der WM 2006, in der er auf sein vertraglich fixiertes Entscheidungsrecht in allen sportlichen Angelegenheiten verweist und damit eine für beide Seiten tragbare Kompromisslösung verhindert.

Wie hat sich der DFB verhalten?

Nachdem der Vertrag mit Jürgen Klinsmann ausgehandelt war, hat DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder zu seinem Schatzmeister Theo Zwanziger gesagt: „Da haben wir uns was eingehandelt. Das wird uns noch Spaß machen.“ Man kann dem DFB also nicht vorwerfen, er habe nicht gewusst, worauf er sich eingelassen hat. Aber eine andere Wahl, als Klinsmanns Forderungen zu erfüllen, hatte der Verband gar nicht mehr, nachdem ihm bei der Suche nach dem Bundestrainer nach und nach alle aussichtsreichen Kandidaten abhanden gekommen waren. Klinsmann hat so weit reichende Befugnisse in seinem Arbeitsvertrag wie kein Bundestrainer vor ihm. Das gefällt nicht jedem beim DFB. Doch mehr als ein leises Grummeln dringt bisher nicht an die Öffentlichkeit: darüber, dass Klinsmann in den USA schwer erreichbar ist; dass er seit Jahrzehnten erprobte Arbeitsabläufe in Frage stellt und auch im Kleinen seinen Machtanspruch durchsetzt. Erst in der vergangenen Woche wieder hat er alle DFB-Mitarbeiter vom Mittagessen mit der Nationalmannschaft ausgesperrt, selbst den Zeugwart und die beiden Pressesprecher.

Was ändert sich für die Mannschaft?

Bei der WM 2002 in Asien schien die Nationalspieler vor allem die Frage zu bewegen, wie sie ihre Playstation-Konsolen zum Laufen bringen. Mit solchen Problemen müssen sie sich künftig wohl nicht mehr beschäftigen. Zum Computerspielen nämlich bleibt kaum noch Zeit. Die Nationalmannschaft trainiert mehr als früher, auch anders; und in ihrer Freizeit sollen sich die Spieler die DVDs mit Szenen aus den jüngsten Länderspielen ansehen, die Klinsmann und sein Assistent Joachim Löw haben zusammenstellen lassen. „Uns kann keiner vorwerfen, dass die Spieler hier im Urlaub sind“, sagt Löw. Das Prinzip des lebenslangen Lernens gilt nun auch für die Nationalmannschaft, und bisher haben die Spieler nicht den Eindruck erweckt, dass sie das überfordern würde.

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