Sport : Der reine Wahnsinn - Wie sich Claudia Pechstein gegen "Gold-Gunda" durchsetzte

Als Claudia Pechstein 3,76 Sekunden nach Gunda Niemann-Stirnemann über die Ziellinie glitt, nahm sie um sich herum nichts mehr wahr. Die Eisschnellläuferin aus Berlin war nur noch kaputt. "Meine Beine wurden immer fester, auf der letzten Runde habe ich gar nichts mehr gemerkt oder gehört. Ich habe nur noch geschaut, dass der Rückstand nicht zu sehr wächst", sagte sie später. Der Rückstand auf ihre Konkurrentin im abschließenden 5000-Meter-Lauf war dann zwar doch relativ groß, aber eben nicht groß genug, um von der Erfurterin noch verdrängt zu werden. Pechstein hatte es geschafft. Nachdem sie in den vergangenen vier Jahren bei den Mehrkampf-Weltmeisterschaften jedesmal hinter Niemann-Stirnemann auf Rang zwei gekommen war, durfte sie sich in der Eishalle von Milwaukee am Sonntagabend die Goldmedaille umhängen lassen, die sie immer wieder küsste.

"Das ist der reine Wahnsinn. Ich feiere jetzt ein großes Fest. Auf solch einen Sieg gegen Gunda habe ich lange warten müssen", sagte sie lachend. Nach dem Kraftakt über 5000 Meter war sie erst einmal Arm in Arm mit ihrem Trainer Joachim Franke um das Eisoval gelaufen, immer wieder winkte sie den Fans zu und wischte sich die Tränen aus ihren Augen. Die 27-Jährige konnte es zunächst gar nicht fassen, dass sie nach zwei Olympiasiegen (1994 und 1998) und WM-Gold über 5000 m sowie der Europameisterschaft 1998 den noch fehlenden Titel geholt hatte. "Das ist einfach Wahnsinn. Ich versuche mir langsam klar zu machen, dass ich gewonnen habe", sagte sie. Genau 5,31 Sekunden Vorsprung hatte Claudia Pechstein vor den letzten fünf Kilometern auf Gunda Niemann-Stirnemann heraus gelaufen, nachdem die achtmalige Weltmeisterin über 1500 m gegen die Berlinerin unterlegen war.

Und in diesem 5000-m-Duell gab Gunda Niemann-Stirnemann auf den letzten beiden Kilometern alles, doch am Ende stand sie trotz einer grandiosen kämpferischen Leistung wie bei der EM nur mit Silber da. "Fünf Sekunden sind sehr viel", meinte "Gold-Gunda", der vor drei Wochen in Hamar ein 5000-m-Weltrekord gelungen war. "Fünf Sekunden sind nicht viel, wenn man Gunda kennt. Ich hätte nicht gedacht, dass es reicht", meinte dagegen Claudia Pechstein, die mit ihrem 3000-m-Sieg am Sonnabend erstmals für "einen kleinen Schocker" (Niemann-Stirnemann) gesorgt hatte.

Die Vizeweltmeisterin der vergangenen vier Jahre durchbrach damit die Siegesserie von Gunda Niemann-Stirnemann, die seit 1991 achtmal bei Weltmeisterschaften triumphiert hatte. Diese einmalige Erfolgsstory hatte zuvor nur die Österreicherin Emese Hunyady unterbrochen, doch bei ihrem Erfolg 1994 fehlte Gunda Niemann-Stirnemann wegen der Olympia-Vorbereitung. "Ich habe alles gegeben, was soll man machen? Ich habe den ersten Platz nicht abonniert. Natürlich gebe ich ihn nicht gern ab", sagte die ehrgeizige Thüringerin, der die Enttäuschung anzusehen war.

Nun wird wieder viel von "Generations-Wechsel" gesprochen, oder davon, dass die Berlinerin jetzt endgültig aus dem Schatten der inzwischen 33-jährigen Gunda Niemann-Stirnemann, der erfolgreichsten deutschen Eisschnellläuferin aller Zeiten, getreten sei. Doch auch schon zuvor hatte die Berlinerin - gerade über 5000 Meter - triumphiert. Vor allem bei Olympischen Spielen: 1994 in Lillehammer und 1998 über in Nagano. Wachablösung? Davon will Claudia Pechstein nichts hören: "Gunda ist noch lange nicht am Ende, aber ich war endlich mal auf den Punkt fit." Oft haben Pechstein, im Dezember zur Berliner "Sportlerin des Jahres" gewählt, in der Vergangenheit Erkältungen zu schaffen gemacht. Nicht nur einmal litt darunter auch ihre Vorbereitung im Sommer. Diesmal konnte sich sich fast problemlos auf die Saison vorbereiten. Das Ergebnis sah man nun bei der WM. Bleibt nur offen, ob Claudia Pechstein dieser Erfolg auch bei den Sponsoren attraktiver machen wird. Denn in dieser Hinsicht ist sie seit Jahren unzufrieden ("Da kommt zu wenig"), mehrere Male hat sie den Manager gewechselt. Da hat ihr Gunda Niemann-Stirnemann doch noch etwas voraus.

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