Sport : Der Rekordmeister

Nur eine Mannschaft hat so früh den Titel perfekt gemacht wie die Bayern – die Bayern selbst

Raim,Witkop

Wolfsburg. Nichts war geplant bei diesem Verein, der doch sonst alles plant und unter Kontrolle haben will. „Wir werden improvisieren und schon etwas auf die Beine stellen“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München. Zuvor hatte er seinerseits improvisiert, um angemessen begeistert zu klingen: „Ein Wahnsinn!“ Bereits vier Spieltage vor dem Ende der Saison haben die Münchner die Meisterschaft perfekt gemacht. So früh hat das in 40 Jahren Bundesliga nur eine Mannschaft geschafft – die Bayern selbst, in der Saison 1972/73 war das. Rummenigge rückte die Perspektive dann gleich auf die gedemütigten Rivalen: „Die müssen halt versuchen, es uns etwas schwerer zu machen.“ Wenn bei ihm schon keine überschäumende Freude zu spüren war, dann doch wenigstens Genugtuung über die Steigerung gegenüber den eher peinlichen letzten Wochen.

Nach zuletzt nur einem Punkt aus drei Spielen gab es am Auftritt in Wolfsburg diesmal nichts zu klagen. Der FC Bayern München hat sich dazu aufgerafft, die deutsche Meisterschaft mit dem 2:0-Erfolg beim freundlich mitspielenden VfL doch noch zu einem nicht eben rauschenden, aber doch erinnerungswürdigen Fest zu machen. Trainer Ottmar Hitzfeld wollte gar „eines der besten Spiele der letzten Zeit“ gesehen haben.

Zur Freude der angereisten 7000 Münchner Fans unter den 30 000 Zuschauern machten die Bayern den Eindruck, dem sich ohnehin ergebenden 18. Meistertitel seit 1932 lieber mit einem 5:4 als mit einem 1:0 entgegenkommen zu wollen. Diesen Spielstand hätte es nach frischen 45 Minuten schon zur Pause geben können: Vor allem Michael Ballack spielte auf, als habe er nicht sieben Wochen verletzungsbedingt gefehlt. Als Ballack in der 21. Minute mit seiner typischen, nur leicht angedeuteten Körpertäuschung an Schnoor und Biliskov vorbeizog, hätte er den Torerfolg schon wegen der Haltungsnoten verdient gehabt.

Doch Wolfsburgs Torhüter Sead Ramovic reagierte hier genauso glänzend wie später bei zwei anderen Gelegenheiten. Zweimal war es der auffallend engagierte Claudio Pizarro, der nur knapp den Führungstreffer verpasste. „Mit Ballack ist spielerische Klasse und Ruhe zurückgekommen“, sagte Trainer Ottmar Hitzfeld, „es ist erstaunlich, wie deutlich sich das sofort auswirkte.“

Umgekehrt waren auch die Wolfsburger nicht zu sehr auf Sicherheit aus, sondern vor allem darauf, einen guten Eindruck zu hinterlassen. In der 18. Minute war es Ponte, der mit einem fein dosierten Steilpass auf Diego Klimowicz die Münchner Abseitsfalle austrickste. Klimowicz scheiterte aber an Torwart Oliver Kahn. Der mit dem Trainer Jürgen Röber verbundene Aufwärtstrend des VfL Wolfsburg machte sich diesmal in der puren Lust bemerkbar, auf hohem Niveau mitzumischen und zum Fest ein wenig Glanz beizusteuern.

An den erstaunlichen Michael Ballack reichten die Wolfsburger jedoch nicht heran. Seine Vorbereitung des Treffers zum 1:0 durch Giovane Elber in der 59. Minute war ein kleiner Geniestreich: ein Zuspiel nur über wenige Meter, aber in Timing und Winkel so verblüffend, dass der Brasilianer quasi freistand, obwohl er von Gegenspielern umringt war. Die aber schienen viel zu beeindruckt, um noch zu reagieren.

Wenige Minuten später, als die Rostocker beim Tabellenzweiten VfB in Stuttgart den 1:1-Ausgleich erzielt hatte, war Bayern München dann bereits virtueller Meister. Die Spieler gingen nun noch ein wenig konzentrierter und noch inspirierter zu Werke. Profis wie Bixente Lizarazu, Ze Roberto oder Robert Kovac hatten sich in den Wochen davor durchaus dem Verdacht ausgesetzt, vom Rest der Saison nicht mehr allzu viel zu verlangen und entsprechend wenig zu bieten – in Wolfsburg aber zeigten sie viel. Das entscheidende 2:0 durch Pizarro in der 83. Minute basierte auf einem Sololauf von Lizarazu, wie man ihn so dynamisch schon lange nicht mehr gesehen hat.

Die Jubelszenen zum Schluss fielen ein wenig routiniert aus, aber wer könnte das den Bayern verdenken? Die hüpfende Freudentraube war schön anzusehen, der Gesichtsausdruck zur unvermeidlichen Hymne „We are the Champions“ vollkommen glaubwürdig, und Hitzfeld bekannte, dass er „mit ein paar Tränen gekämpft“ habe. Vermutlich hatte es ihn übermannt, weil sich der Titelgewinn an diesem Tag doch ein wenig überraschend eingestellt hatte. An der Tatsache an sich hatte ja schon lange kein berechtigter Zweifel mehr bestanden.

Die neuen Meister machten sich auf zu ihrer improvisierten Feier, und der Größte unter ihnen gab noch ein Resümee der Saison: „Entscheidend für diesen Tabellenstand war unser Ausscheiden in der Champions League“, sagte Michael Ballack. Schon in der Vorrunde waren sie gescheitert, fortan konnten sie sich ganz auf die Liga konzentrieren. Das sah auch Manager Uli Hoeneß so, der im Übrigen seinen Überschwang nicht vorspielen musste: „Der Adrenalin-Ausstoß ist natürlich nicht derselbe wie bei einem engen Finale. Aber ich genieße jede einzelne Meisterschaft.“

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