Sport : Der Rhein ruft

Christoph Kieslich

Mit gutem Beispiel, das räumt Andreas Rettig ein, geht er nicht voran. Gestern wurde der 38-Jährige beim 1. FC Köln als neuer Sportdirektor vorgestellt, der Mitte Mai seine Arbeit aufnehmen wird. Damit beendet Rettig seinen ursprünglich bis 2003 datierten Vertrag beim SC Freiburg vorzeitig, ganz nach geübter Praxis auf dem Spielertransfermarkt. "Spieler sagen in solchen Fällen, dass sie eine neue Herausforderung suchen, und so ist das auch in meinem Fall", begründete Rettig seine überraschende Entscheidung.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Vor allem der Zeitpunkt irritiert am Freiburger Markt. Der Sport-Club steckt mal wieder mitten im Abstiegkampf und kann auf Nebenschauplätze verzichten. Deshalb gaben sich die Beteiligten alle Mühe, die Interpretationsmöglichkeiten nicht ausufern zu lassen. "Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich abhaue", so Rettig, "mit der aktuellen Situation hat das nichts zu tun. Die Aufgabe eines Managers ist nicht das sportliche Alltagsgeschäft. Da kann ich auch nur die Daumen drücken." Die Trennung löste allenthalben Gefühle aus. "Wir geben ihn nur schweren Herzens frei", sagt Freiburgs Präsident Achim Stocker, und auch Rettig beharrt darauf, dass der SC Freiburg für ihn "eine Herzensangelegenheit" bleibe.

Andreas Rettig war der erste Manager, den sich der SC Freiburg geleistet hat. Zuvor erledigten Stocker und Trainer Volker Finke die wesentlichen administrativen Aufgaben. 1998 war Finke mit der Mannschaft nach dem Abstieg gerade auf dem Weg zurück in die erste Liga, als Rettig sich in Freiburg auf die Arbeit stürzte. In seine Zeit fällt der Um- und Ausbau des Dreisamstadions, den er so zielstrebig wie leidenschaftlich vorantrieb wie später auch den Aufbau der "Freiburger Fußballschule" im Möslestadion. Gestern fand dort das erste Punktspiel der SC-A-Jugend statt, doch zu diesem Zeitpunkt war Rettig schon auf dem Weg nach Köln zu seinem künftigen Arbeitgeber.

Dies schildert vielleicht am besten die Rastlosigkeit und den Ehrgeiz des diplomierten Kaufmanns Andreas Rettig. In den Lehrjahren bei Bayer 04 Leverkusen wurde er von Reiner Calmund auf die Unbilden des Geschäfts vorbereitet, betreute zuletzt das Leverkusener Debüt in der Champions-League und erwarb sich eine Kompetenz, mit der er in Freiburg eine völlig neu geschaffene Position ausfüllte.

Die Infrastruktur des Klubs wurde nachhaltig verbessert, weitere Optimierungen wie ein Medienzentrum und eine Modernisierung der Hauptribüne sind im Gange. Gerade in der Zeit Rettigs erwirtschaftete der Verein außerdem erkleckliche Transferüberschüsse, zuletzt gekrönt mit der Rekordeinnahme von rund 3,5 Millionen Euro für Nationalspieler Sebastian Kehl. Dazu sind sämtliche Spieler langfristig an den SC gebunden, so dass Rettig behaupten darf: "Ich hinterlasse ein bestelltes Feld."

Dass ihnen der ambitionierte und karrierebewusste Manager spätestens 2003 verlustig gehen würde, darüber waren sich Stocker und Finke schon seit längerem einig. An Angeboten mangelte es Rettig ohnehin nicht, etwa, als bei der Deutschen Fußball-Liga die Direktion zu besetzen war. Regelmäßig wurde er mit Bayer Leverkusen in Verbindung gebracht.

Nun kehrt der Rheinländer Rettig, der mit seiner landsmannschaftlichen Fröhlichkeit die dritte Note im badisch-nordischen Führungsduo war, tatsächlich ins Rheinland zurück. "Wir verlieren einen richtig Guten", bedauert Stocker den Entschluss Rettigs, "er hat uns weiter gebracht." Auf eine Einhaltung des Handschlagvertrages wollte der Präsident nicht beharren: "Reisende soll man nicht aufhalten - außerdem habe ich ihm damals zugesagt, dass er gehen kann, wenn er will."

Die Freiburger werden einen Ersatz suchen, denn Stocker ("Ich werde demnächst 67 und werde mir das nicht mehr antun") will nicht in die Vor-Rettig-Ära zurückfallen. Managernachwuchs gäbe es im eigenen Verein, doch Richard Golz, der ein Fernstudium in Sportökonomie abgeschlossen hat, denkt noch nicht daran, seine aktive Laufbahn zu beenden. Und Andreas Bornemann, ein langjähriger Spieler bei den Amateuren, hat derzeit genug damit zu tun, die Fußballschule in Schwung zu bringen.

Rettigs Motive, zu einem Klub zu wechseln, bei dem der Lorbeer vergangener Dekaden verwelkt ist, und der sportlich ebenso desolat dasteht wie seine Führung, können nur mit einer Portion Leidensfähigkeit erklärt werden - oder eben mit seinem Instinkt. In Köln jedenfalls wird er im Mai aller Voraussicht nach bei einem Zweitligisten auf ein Vakuum treffen, das ihm vermutlich noch mehr Entfaltungsmöglichkeiten bereithält als beim SC Freiburg, wo neben dem "Großvater Stocker" (Stocker über Stocker) Volker Finke die dominante Figur ist.

Niedere Motive, so Rettig, gäbe es für den Wechsel nicht: "Mein Vertrag in Freiburg ist besser dotiert, als es der in Köln sein wird." Das Chaos beim FC zu ordnen, "genau das halte ich für die spannende Aufgabe", sagt Rettig, der sich bis 2005 in Köln verpflichtet hat. Eine kleine Parallele zu Freiburg wird es dabei geben: Finke und Rettig kannten sich von der Sporthochschule in Köln. Im selben Fußballlehrer-Seminar saß auch Friedhelm Funkel. Der ist jetzt Trainer in Köln.

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