Sport : Der rote Wahnsinn

Die Türken müssen die Umstände des 3:2-Siegs gegen Tschechien erst noch verarbeiten

Felix Meininghaus[Genf],Thomas Seibert[Istanbul]

Als Letzter verließ Volkan Demirel den Platz. Als der türkische Torhüter nach ausgelassenen Tänzen mit den Fans und seiner Mannschaft in den Spielertunnel schritt, hob er den Kopf und drückte die Brust durch. Demirel war stolz. Auf sich und seine Mannschaft, die Tschechien 3:2 besiegt hatte. Hätte Demirel nicht eigentlich geknickt sein müssen? Schließlich ist er wegen seiner Roten Karte nach einem Rempler gegen Jan Koller mindestens für das Viertelfinale gegen Kroatien am Freitag gesperrt. Nein, in diesem Vorrundenspiel in Genf war gar nichts normal. Nach dem Platzverweis für Demirel musste Mittelfeldspieler Tuncay Sanli noch für ein paar Minuten ins Tor, weil die Türken schon dreimal gewechselt hatten. Doch selbst das war nur noch eine von vielen Geschichten in einem Spiel, das als eines der spektakulärsten in die europäische Fußballgeschichte eingehen wird.

Wenige Minuten vorher hatte Volkans Pendant Petr Cech frustriert seinen Kopfschutz heruntergerissen und ihn weggetreten. Seit er eine schwere Kopfverletzung überwunden hat, trägt Tschechiens Ausnahmekeeper das schwarze Requisit auch als Glücksbringer, doch es ist gut vorstellbar, dass der Talisman nach dieser Nacht ausgedient hat. Den Tschechen dürfte es schwerfallen, an das Gute im Fußball zu glauben, nachdem sie einen sicheren 2:0-Vorsprung durch Jan Koller und Jaroslav Plasil in den letzten 15 Minuten verschenkt hatten. „Ich werde viele Nächte nicht schlafen können“, sagte Karel Brückner. Schon vor der EM war klar, dass der 68-Jährige seine Karriere als tschechischer Nationaltrainer beenden wird. Es ist ein bitteres Ende für den Trainer.

Für Torhüter Cech, der die unglaubliche Wende durch einen Blackout vor dem 2:2 begünstigt hatte, passt die Niederlage ins Bild einer traurigen Saison. Auch mit seinem englischen Klub FC Chelsea hatte er alle wichtigen Spiele wie das Champions-League-Finale und die Meisterschaftsentscheidung verloren. Jan Koller gab am Montag gar das Ende seiner Karriere in der Nationalmannschaft bekannt. Der 35 Jahre alte Stürmer hatte gegen die Türkei ein Tor erzielt, war nach der Niederlage aber untröstlich. Auch sein Nürnberger Vereinskollege Tomas Galasek, will nicht mehr für Tschechien spielen.

Auf der anderen Seite standen die Türken, die ihr Glück kaum fassen konnten. 75 Minuten lang war ihnen kaum etwas gelungen, dann schafften sie doch noch die Wende. „Wir haben nicht gut gespielt und trotzdem gewonnen. Wir werden schwer zu schlagen sein, wenn wir anfangen, auch noch gut zu spielen“, sagte Mittelstürmer Nihat Kahveci, der die beiden Tore kurz vor Schluss erzielt hatte.

Auch Trainer Fatih Terim war nicht eben begeistert von der Gesamtleistung seines Teams, von der Schlussphase aber war Terim euphorisiert. Genau wie die türkischen Journalisten. Sie hatten jegliche Distanz aufgegeben. Als der Trainer den Saal der Pressekonferenz betrat, brandete Beifall auf. „Ich bin dankbar, Spieler zu haben, die nie aufgeben“, verkündete Terim. „Sie hören erst auf, wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hat.“

Tatsächlich haben die Türken eine Mannschaft mit starken Nerven. Zweimal ist bei dieser EM bislang ein Spiel in der Schlussphase gedreht worden, in beiden Fällen waren es die Männer in Rot, die das Kunststück vollbrachten. Gegen die Schweiz erzielten sie das entscheidende Tor in der Nachspielzeit, am Sonntag schafften sie innerhalb von einer Viertelstunde gleich drei Tore und drehten das Spiel. „Geht alle feiern, geht auf die Straßen, genießt dieses Gefühl, das uns die Spieler heute gegeben haben“, hatte Terim seine Landsleute aufgefordert. In der Türkei, aber auch in Berlin und anderen deutschen Städten tanzten die Menschen bis tief in den Montagmorgen hinein. Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, gaben viele Fans in der Heimat auch Freudenschüsse aus scharfen Waffen in die Luft ab – im südtürkischen Adana wurden dabei ein 68-Jähriger und ein Teenager verletzt. Die Polizei zählte Einschusslöcher in zahlreichen Hauswänden.

Die meisten türkischen Spieler waren lange nach dem Spiel noch so sehr mit der Verarbeitung beschäftigt, dass sie noch gar nicht über das Viertelfinale gegen Kroatien sprechen mochten. Hamit Altintop von Bayern München, der an allen drei Toren beteiligt war, gab dann aber doch noch einen Ausblick. Optimistisch, natürlich. „Die Kroaten haben eine sehr erfahrene Mannschaft, die kompakt steht“, sagte er. „Aber wenn wir den Ball gut laufen lassen, dribbeln und schießen, dann kommen wir weiter.“

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