Sport : Der Rückfall

Vor dem Spiel in Turin verlässt Sebastian Deisler den FC Bayern und begibt sich wieder in psychiatrische Behandlung

Daniel Pontzen[München]

Uli Hoeneß hatte eine düstere Vorahnung, seit einigen Wochen schon. Er habe gespürt, dass es Sebastian Deisler wieder schlechter gehe, sagte der Manager Montagabend in Turin, wo sich der FC Bayern auf das heutige Champions-League-Spiel gegen Juventus (20.45 Uhr, Sat.1) vorbereitet. „Vor zwei Wochen habe ich ihn angesprochen, aber da hat er gesagt, da ist nichts. Ich bin kein Professor, aber bei dieser Krankheit muss man mit Rückschlägen rechnen.“ Zu einem solchen ist es nun gekommen. Gestern Nachmittag flog Deisler allein nach München zurück, um sich erneut bei Professor Florian Holsboer in Behandlung zu begeben. Schon im November letzten Jahres hatte sich Deisler bei Holsboer in der Psychiatrie des Max-Planck-Institutes für längere Zeit einer Therapie unterzogen. Gleich nach der Ankunft in Turin hatte er Hoeneß und Trainer Felix Magath über seine neuerlichen Beschwerden informiert. Die Mannschaft erfuhr erst beim Abschlusstraining im Stadio Delle Alpi von Deislers Rückschlag. Es ist der vorläufige Tiefpunkt einer Krankengeschichte, die im August noch beendet schien.

Beim Endspiel um den Ligapokal war es, als Deisler in überragender Weise zurück in die Mannschaft des FC Bayern gefunden hatte. Mit zwei Toren und einer Vorlage beim 3:2 gegen Bremen begeisterte er die Zuschauer derart, dass selbst die Fans des Gegners besorgt aufschrien, als sich Deisler nach einem Foul am Boden wand. Die kollektive Besorgtheit, die Deisler damals zuteil wurde, hatte sich jedoch schnell verflüchtigt. Der Nationalspieler war flugs in den schonungslosen Alltag der Hochdruckkammer Bundesliga zurückgekehrt; die anfängliche Freude über seine Rückkehr und wohlwollende Einschätzung seines Schaffens wich einer neutralen Bewertung.

Zu Saisonbeginn fiel diese noch äußerst positiv aus. Nach einigen ansprechenden Auftritten berief Bundestrainer Jürgen Klinsmann den Mittelfeldspieler gleich wieder in die Nationalmannschaft. Die Lobeshymnen klangen beinahe so schrill wie im Jahre 2000, als er im Alter von 20 Jahren von Medien und Fans kurzerhand zum Heilsbringer des darniederliegenden deutschen Fußballs bestimmt wurde.

Einer, der die neue Euphorie von Beginn an nicht teilen mochte, war sein Trainer: Schon nach jenem Ligapokal-Endspiel in Mainz begegnete Felix Magath der allgemeinen Verzückung vergleichsweise reserviert. Als Deisler eine Woche später beim Bundesliga-Auftakt in Hamburg ein Tor erzielte, weigerte sich Magath in den Jubelchor einzustimmen und wies stattdessen auf Deislers Eigennützigkeit hin: Er hatte in der ersten Halbzeit aufs Tor geschossen, anstatt einen besser postierten Teamkollegen zu bedienen.

Wirkten Magaths Beanstandungen anfangs wie erzieherische Maßnahmen zur Zügelung einer allzu verwegenen Begeisterung, spiegelte sich in seiner jüngsten Kritik zunehmendes Unverständnis. Gegen Schalke hatte Deisler in der Spitze spielen sollen, „stattdessen hat er sich an der Mittellinie die Bälle geholt, und als er sie dann hatte, war vorne keine Anspielstation mehr.“ Vor drei Wochen gegen Freiburg hatte der Trainer ganz auf Deislers Dienste verzichtet, mit dem Hinweis: „Sebastian will zu viel und setzt sich deshalb zu sehr unter Druck.“ Allerdings hatte Magath seine Kritik stets auf sportliche Aspekte bezogen und seinen sensiblen Spieler auch in Schutz genommen. „Dass ich ihn zur Halbzeit ausgewechselt habe, bedeutet nicht, dass nur er schlecht und an der Niederlage Schuld war“, sagte Magath noch am Sonntag mit Blick auf Deislers schwaches Spiel gegen Schalke. Ob ihm die zum Teil deutliche Kritik zusetzte, bleibt Spekulation. Gerade zu Saisonbeginn präsentierte Deisler sich munter und fröhlich, was Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz-Rummenigge zu der Annahme brachte: „Wer lacht, hat keine Depressionen.“ In jedem Fall wirkte Deisler, als sei er nach seiner Behandlung zu einer robusteren Persönlichkeit gereift.

Zuletzt beschränkten sich starke Auftritte Deislers auf die Nationalmannschaft, wo er bei Jürgen Klinsmann bis zuletzt uneingeschränkte Protektion genoss. Die Bayern hoffen nun, dass sich Deislers Befinden wieder stabilisiert. Den aktuellen Fall sieht Hoeneß „nicht so dramatisch wie damals“. Deislers Umfeld sei jetzt stabiler, sagte Hoeneß, „ihn trifft die Situation nicht unvorbereitet.“

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