Sport : Der ruhige Souverän

Miroslav Klose hat den Münchner Rummel schneller akzeptiert als erwartet

Michael Neudecker[München]

An der Münchner Theatinerkirche hängt zurzeit ein riesiges Werbeplakat, ein 250 Quadratmeter großes Gemälde, auf dem Franck Ribéry abgebildet ist, mit blauem Hermelinmantel, in der rechten Hand eine Eckfahne wie ein Zepter empor gereckt, daneben der Schriftzug: „Bayern hat wieder einen König“. Das Bild ist einer bekannten Darstellung von König Ludwig II. aus dem Jahr 1887 nachempfunden, dem Märchenkönig – und nun sollen die Münchner also einem französischen Fußballer mit neongelben Schuhen als Wiedergeburt ihres alten „Kinis“ huldigen. Sie tun das sogar gerne: In der Arena feiern sie ihn mit stehenden Ovationen, sie schwärmen von ihm, sie lieben ihn und auch die Zeitungen schreiben nach dem 3:0-Sieg des FC Bayern München zum Saisonstart gegen Hansa Rostock von diesem „unbestritten überragenden“ Ribéry. Dabei war nicht er es, der die Bayern gleich zu Beginn an die Tabellenspitze befördert hat, sondern: Miroslav Klose.

Klose hat zwei Tore selbst erzielt und eines für Luca Toni vorbereitet, und das so gut, dass wohl selbst ein Kreisklassenkicker an Tonis Stelle den Ball im leeren Tor untergebracht hätte. Nach seinem zweiten Treffer hat Klose einen Salto gemacht, so wie früher, in Bremen, als er diesen Salto andauernd gemacht hat, weil er andauernd Tore geschossen hat. In München hatten sie sich eigentlich schon darauf vorbereitet, dass es eine Weile dauern könnte bis zum ersten Salto: Klose hat schließlich ein schlechtes Jahr hinter sich, in dem er am Ende frustriert wirkte. Und dann diese Situation in München, die Medien, der Druck und die omnipräsenten Fans, nein, das würde sicherlich dauern, bis der ruhige, introvertierte Klose sich daran gewöhnt haben würde. Inzwischen aber ist klar: Das war ein Irrtum.

Klose mag den großen Rummel zwar immer noch nicht, aber er macht, was sie von ihm verlangen, und das sehr souverän. Er schießt Tore, wenn er welche schießen soll, er spricht oft mit den Reportern, er beantwortet alle Fragen, ruhig, locker, er schreibt Autogramme, wann immer die Fans wollen – Klose bewegt sich in München so selbstverständlich, als hätte er hier die letzten zwanzig Jahre verbracht. Auch wenn er natürlich immer noch Miroslav Klose ist, der Klose, der völlig unaufgeregt spricht und Sätze sagt, die ehrlich klingen und nett, die Fußballwelt aber nun nicht gerade aus den Fugen geraten lassen. „Es war ein guter Auftakt, mehr aber auch nicht“, das hat er nach dem Spiel gesagt.

Es klang wie die langweilige Umschreibung eines langweiligen Spiels, doch Klose hatte ja Recht: Die Bayern waren gut und teilweise auch spektakulär, das schon, doch der Gegner war eben Hansa Rostock, nur Rostock, der Aufsteiger. Interessant wird es für die Münchner erst, wenn die echten Konkurrenten gegen sie antreten, Bremen, Schalke, Hamburg, Stuttgart. Hamburg ist am vierten Spieltag Bayerns Gegner, Schalke am fünften – und Bremen muss gleich kommende Woche gegen die Bayern antreten.

Dann wird überall zu lesen sein, dass Klose ja nun exakt 99 Bundesligatore erzielt hat und in Bremen sein hundertstes hinzufügen kann, ausgerechnet in Bremen. Dann werden sie ihn wieder fragen, wie denn dass so war bei Werder, wie es nun in München ist, und so weiter und so fort. Klose wird sich nicht verschließen. Er wird ruhig antworten, was er bei diesem Thema immer wieder antwortet: „Das ist Vergangenheit, das zählt nicht mehr.“

Eigentlich passt das nicht zum FC Bayern, diese unspektakuläre Art, dieses Verhalten, das völlig frei von jeglichen Starallüren ist. Andererseits aber ist es wohl gerade diese ruhige Art, die ihn den Rummel ertragen lässt. Und ein bisschen sind es auch die Münchner Fans: Sie mögen ihn zwar, aber sie lassen ihn so sein, wie er sein möchte – weil sie ihn nicht vergöttern. So wie Ribéry, den König von München.

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