Sport : Der Ruhm rutscht durch die Maschen

Der ewig pessimistische Dirk Nowitzki muss nach dem Play-off-Aus seine Rolle bei den Mavericks hinterfragen

Matthias B. Krause[New York]

Wenn die Mavericks noch einen Beleg dafür brauchten, wie schnell Ruhm verfliegt, mussten sie sich am Freitagnachmittag bei ihrer Ankunft in Dallas nur in der Empfangshalle des Flughafens umschauen. Wo sich nach erfolgreichen Auswärtsauftritten schon mehrere Tausend Fans drängelten, warteten dieses Mal zwei. Und keiner von ihnen trug ein Mavericks-Trikot. Das Lesen der Zeitungen, das Einschalten von Radio oder Fernseher verbot sich für sensible Gemüter von selbst. Überall diskutieren sie die unfassbare Implosion des besten Teams der regulären Saison gegen die Golden State Warriors in der ersten Play-off-Runde der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA mit Fassungslosigkeit, Häme und Bitternis. Eine Enttäuschung historischer Dimension, für die in den Augen der meisten zwei Männer die Verantwortung tragen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Mavericks-Headcoach Avery Johnson und Dirk Nowitzki, der gefallene Superstar.

Der eine, Johnson, den sie schlicht den „kleinen General“ nennen, hat mit reiner Willenskraft und unerschütterlichem Glauben an sich selbst aus seinem beschränkten basketballerischen Talent eine Karriere gebastelt, bislang gekrönt mit einem Meisterring als Aufbauspieler der San Antonio Spurs und einer Auszeichnung als NBA-Coach des Jahres. Der andere, das deutsche Wunderkind, sieht sich durch seine gottgegebenen und mit hartem Training verfeinerten Fähigkeiten in eine Rolle gedrängt, die er nie haben wollte: die des Anführers. Als sie ihn vor den Play-offs fragten, ob er sich wohlfühle als bester Spieler des besten Teams und mit der Verantwortung, die das mit sich bringt, sagte Nowitzki: „Ich denke schon.“ Als die Warriors Dallas in der Play-off-Serie zwei Spiele stahlen, sagte der ewig pessimistische Nowitzki: „Wir müssen die vierte Partie gewinnen, sonst können wir einpacken.“ Dabei war Golden State noch zwei Erfolge vom Einzug in die nächste Runde entfernt.

Die amerikanische Sportwelt reibt sich verwundert die Augen, und niemand hat für den Defätismus seines besten Mannes weniger Verständnis als Avery Johnson. Zwar gab er sich alle Mühe, Nowitzki nicht öffentlich zu kritisieren, doch zwischen den Zeilen war seine Botschaft unmissverständlich: „Die Warriors haben unser Selbstbewusstsein schwer erschüttert, das war nicht gut.“ Was Nowitzki nicht davor schützte, in seine mittlerweile berüchtigten Tiraden der Selbstkritik zu verfallen: „Es hätte geholfen, wenn wir nahe am Korb besser gespielt hätten. Deshalb nehme ich das meiste auf meine Kappe, im Augenblick ist das der schwächste Aspekt in meinem Spiel.“ Seit neun Jahren arbeitet der 2,13-Meter-Mann in der NBA – und ebenso lange sagen ihm alle, er dürfe sich nicht nur auf seine Fernwurfkünste verlassen, sondern müsse lernen, mit dem Rücken zum Korb zu spielen.

Nun ist Nowitzki niemand, der nicht hart an sich arbeiten würde, so hart, dass Johnson ihn bisweilen unter Androhung von Geldstrafen aus der Trainingshalle vertreibt. Trotzdem sieht es so aus, als habe er sich in sein sorgfältig aufgebautes Schneckenhaus zurückgezogen. Im Spiel steht das irgendwo an der Drei-Punkte-Linie, danach in einem Vorort von Dallas, wo er hinter verschlossenen Türen mit seinen Freunden seinen Schabernack treibt und mit seiner Gitarre zu den Tönen der Stones abrockt. Nach der Saison zieht er sich so schnell wie möglich in die fränkische Heimat zurück, wo er mit seinem langjährigen Mentor Holger Geschwinder in einer einsamen Turnhalle sein Programm abzieht.

Wenn die bitteren Niederlagen im Finale gegen Miami Heat im vergangenen Jahr und jetzt gegen Golden State einen positiven Effekt haben sollen, wird Nowitzki eine grundlegende Analyse seines zweigeteilten Lebens zulassen müssen, die er bis jetzt verweigerte. Nach dem Final-Aus wollten die Mavericks ihm einen Mentalcoach zur Seite stellen, seine Reaktion: „Ich bin kein Psychofall, so einen brauche ich nicht“, erwiderte er. Bislang haben sie mit Nowitzki in Dallas weit mehr Geduld gehabt, als das in der geld- und erfolgsorientierten NBA üblich ist. Inzwischen fragen sie sich, ob sie weiter an ihn glauben sollen, wenn er selbst damit so große Probleme hat. Im Augenblick sieht es nicht so aus, als würde Klub-Besitzer Mark Cuban das Team für die nächste Saison grundlegend durcheinanderwürfeln. Nowitzki und die beiden Aufbauspieler Jason Terry und Josh Howard haben als tragende Säulen ohnehin langfristige und hoch dotierte Verträge.

Auch Johnsons Job scheint sicher. „Wenn sich nichts dramatisch zwischen jetzt und demnächst ändert, werde ich 100-prozentig wiederkommen“, sagt der Headcoach, „aber wir müssen einen genauen Blick auf unser Personal werfen und überlegen, was wir damit machen.“ Und ob es einen Weg gibt, aus einem Defätisten einen Optimisten zu machen. Es sei denn, er belässt Nowitzki in seiner Nische und stellt ihm Spieler an die Seite, die den Killerinstinkt haben. Detroits Aufbauspieler Chauncey Billups erfüllte diese Arbeitsplatzbeschreibung perfekt, sein Vertrag läuft zu Ende der Saison aus. Johnson und Cuban haben ihn mit Sicherheit im Blick. Und die Frage, ob Nowitzki mit 60 Millionen Dollar in fünf Jahren nicht eigentlich überbezahlt ist, um sich mit der zweiten Geige zu begnügen.

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