Sport : Der sanfte Abgang

Boxer Lennox Lewis erklärt seine Karriere für beendet und tritt als Weltmeister im Schwergewicht zurück

Michael Rosentritt

Berlin. Es war ein unspektakulärer, ja ein stiller Abgang. Lennox Lewis, „The Lion“, der Löwe, der Superchampion des Schwergewichts, er brüllte nicht, er flüsterte. Der 38-jährige WBC-Weltmeister trat gestern in London vor die Presse und erklärte seinen Rücktritt: „Heute ist ein besonderer Tag in meinem Leben. Ich möchte bekannt geben, dass ich am 21. Juni 2003 das letzte Mal als Profiboxer im Ring gestanden habe.“ In Lennox Lewis tritt ein großer Champion ab, einer der besten Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten.

Damit wird es nicht zum geplanten Rückkampf gegen Witali Klitschko kommen, gegen den der Brite im Juni des vergangenen Jahres bei seinem umstrittenen Abbruchsieg in Los Angeles zu seinem letzten Fight angetreten war. Der amerikanische Pay-TV-Sender HBO hatte bereits einen Termin reserviert. Denn Lewis, der großen Wert auf seinen Mythos und seinen festen Platz in der Geschichte des Schwergewichts legte, sollte die Gelegenheit erhalten, seinen Ruf wieder herzustellen.

Lennox Lewis tritt ab wie er gekommen ist – kampflos. Er wurde Ende 1992 kampflos zum Weltmeister des World Boxing Council (WBC) ausgerufen. Der Titelträger Riddick Bowe hatte es vorgezogen, den WBC-Gürtel vor laufenden Kameras in einen Mülleimer zu werfen, statt sich dem Herausforderer im Ring zu stellen. Bowe hatte noch das Finale der Olympischen Spiele von 1988 in Seoul in Erinnerung. Dort war er von Lewis derart verprügelt worden, dass der Kampf in der zweiten Runde abgebrochen werden musste.

Lewis wurde als Sohn jamaikanischer Einwanderer im Londoner East End geboren und wuchs unter schwierigen sozialen Verhältnissen auf. Nach der Trennung seiner Eltern wanderte seine Mutter Violet mit ihm nach Kanada aus. Sie spielt im Leben von Lennox Lewis nach wie vor eine zentrale Rolle. Sie war es auch, die ihn jetzt zur Aufgabe seiner Karriere drängte.

Mit dem Gewinn der olympischen Goldmedaille hatte er die beste Eintrittskarte in die Welt der großen Gagen. Als Profi schreckte der 1,96 m große Athlet vor keinen Namen zurück. Ob Ruddock, Tucker, Bruno, Mercer, Briggs, Tua oder Holyfield – er boxte sie alle, und er gewann. Zwei überraschende Niederlagen gegen McCall und Rahman revidierte er schnell auf eindrucksvolle Weise. Als er im Juni 2002 Mike Tyson in der achten Runde k. o. schlug, hatte er den letzten herausragenden Boxer seiner Ära besiegt. Lewis hatte den Gipfel erreicht.

Lennox Lewis wurde oft als verschlafener Riese beschrieben, als ein sanfter Riese mit melancholischen Augen und karibischer Lethargie. Er passte nicht so recht ins Bild des Profiboxens. Er verzichtete auf die übliche Selbstinszenierung, lebte zurückgezogen. Lewis blieb bei allem Reichtum und Ruhm introvertiert, ein Einzelgänger. Er spielte leidenschaftlich Schach und wurde dafür von seinen Kontrahenten oft verspottet.

Als Boxer war er mit herausragendem athletischen Talent ausgestattet. Er hatte eine stechende Führhand und eine krachende Rechte. Er war ein großer Taktierer mit hoher strategischer Begabung, der allerdings nie mehr machte als unbedingt nötig war. Seine Kämpfe waren selten spektakulär, sondern oft langweilig. In der ersten Runde sah er meist schlecht aus, nicht aber weil er von seinem Gegner überrascht war, sondern weil er sich auf dessen Stil einließ, um ihn zu studieren und die wirkungsvollste Gegenstrategie zu entwickeln. Der frühere Schwergewichtsweltmeister George Foreman pries Lewis nach dessen Sieg über Tyson als den „komplettesten“ Schwergewichtsboxer aller Zeiten, der mit seiner enormen Kraft und seiner boxerischen Eleganz „den jungen Foreman und den behenden Ali vereint“.

In den USA, dem wichtigsten Markt des Profiboxens, wurde Lennox Lewis zwar stets geachtet, geliebt aber wurde er nie. Für Kanada holte er olympisches Gold, und als Brite entriss der den Amerikanern den für sie wertvollsten Titel, die WM-Krone im Schwergewicht. „Dieser Bursche ist einfach keiner von uns“, schrieb einmal das amerikanische Magazin „Sports Illustrated“.

In den vergangenen 26 Monaten hat er nur zweimal geboxt. Lewis sind die Lust am Training und die Motivation zum Kämpfen abhanden gekommen. Er ließ eine Garantiegage von 20 Millionen Dollar für den geplanten Rückkampf gegen Witali Klitschko liegen.

Eine alte Weisheit im Boxen lautet: In aller Regel schlagen die reichen Jungs nie die armen. Vor einer Woche war von Lennox Lewis zu hören, dass er sich gerade auf den Bahamas eine Luxusvilla bauen lässt. Mit 15 Schlafzimmern.

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