Sport : Der sanfte Kämpfer

Judoka Andreas Tölzer möchte bei der EM eine Medaille gewinnen

Jürgen Bröker[Köln]

Andreas Tölzer ist 1,93 Meter groß und bringt 130 Kilogramm auf die Waage. Er ist eine imposante Erscheinung, und doch wirkt Tölzer abseits seiner Sportart sehr zurückhaltend. Judo heißt „der sanfte Weg“; Tölzer hält sich offenbar auch im Leben an diese Philosophie. „Beim Judo versucht man, die Kraft des Gegners auszunutzen und ihn zu überlisten“, sagt Deutschlands bester Schwergewichtler. In dieser Klasse muss er immer mehr als 100 Kilogramm bewegen. Der schwerste Gegner, gegen den der 25-Jährige bisher angetreten ist, war ein Spanier. 220 Kilo, fast viereinhalb Zentner, wog der Mann, war über zwei Meter groß. „Ich hatte Respekt vor dem Gewicht“, erinnert sich Tölzer. „Aber Angst hatte ich nicht.“

Tölzer ist ein Kämpfer mit einem großen Siegeswillen. „Er hat eine starke Psyche“, sagt Bundestrainer Frank Wieneke. „Er kämpft gerne. Auch gegen sehr gute Gegner.“ Dass er gegen die bestehen kann, hat er in diesem Jahr schon eindrucksvoll gezeigt. Bei den mit Spitzenkämpfern besetzten Wettkämpfen in Hamburg und Paris kam er auf einen Medaillenplatz. Deshalb hat er auch ein Ziel für die Europameisterschaften in Rotterdam, bei denen er am Sonntag auf die Matte geht: eine Medaille, vielleicht sogar eine goldene. „Aber Judo ist nicht planbar“, sagt Tölzer. „Zu viel hängt von der Tagesform ab.“

Fünf bis sechs Kämpfe bestreiten die Judoka in einem Turnier. Effektive Kampfzeit sind fünf Minuten, wenn der Gegner nicht schon vorher besiegt ist. Im Schwergewicht passiert das in etwa 75 Prozent der Fälle. Und das ist auch gut so. Denn nach einem Kampf ist Tölzer vollkommen platt. Seine Arme fühlen sich dann einfach nur leer an, sagt er. „Da liege ich erst mal ein paar Minuten in der Ecke.“ Aber nicht zu lang. 20 bis 25 Minuten später steht für den Sieger schon der nächste Kampf an.

Judo ist ein vielseitiger Kampfsport mit langer Tradition. Die Athleten belauern sich und versuchen, mit einer Hand die reißfeste Jacke des Gegenübers im Nacken zu fassen. „Dann hat man den Gegner gut unter Kontrolle“, erklärt Tölzer. Man kann mit der Hand gegen den Kopf drücken, den anderen so auf seine schwache Seite schieben. Wer also einmal ein Stück Stoff gefasst hat, der lässt es so schnell nicht wieder los. Auch wenn der Gegner mit aller Kraft daran reißt. Oft führt das zu Verletzungen der Kapseln in den Fingergelenken. „Im Kampf merkt man die Schmerzen nicht“, sagt Tölzer. „Da ist viel zu viel Adrenalin im Spiel.“

Auf die EM hat sich Tölzer in Köln vorbereitet. Im Leistungszentrum an der Sporthochschule musste er dabei oft an seine Grenzen gehen. Ausdauer, Kraft, Technik, Wettkampf – all das stand auf dem Trainingsplan. Eigenschaften, die ein guter Kämpfer mitbringen muss.

Gegen den spanischen 220-Kilo-Koloss hat Tölzer übrigens gewonnen. Er habe ihn viel bewegt und auf seine bessere Kondition gesetzt, sagt Tölzer. Nach einem missglückten Wurfansatz fiel der Spanier. Seine Masse riss Tölzer einfach mit. Er landete auf dem Spanier und der begrub seine eigene Hand unter sich. Der Spanier konnte sie nicht mehr unter dem Bauch hervorziehen. Tölzer drehte ihn um und hielt ihn am Boden – seine Spezialität. Der Kampf war aus.

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