Sport : Der Schattenmann

Beim 1. FC Union wird Präsident Heiner Bertram gestürzt – doch der wehrt sich energisch

André Görke

Berlin. Es ist exakt 14 Uhr, als sich die Tür öffnet und Heiner Bertram den Raum 227 in der Geschäftsstelle des 1. FC Union betritt. Bertram setzt sich auf einen Stuhl, legt beide Hände auf den Tisch und greift dann zum Kugelschreiber. Bertram zittert.

Im Laufe seines neunminütigen Monologs wird Bertram sagen: „Einer wird in diesem Kampf auf dem Schlachtfeld zurückbleiben.“

Es geht um einen Fußball-Zweitligisten, es geht um den 1. FC Union, es geht um Emotionen. Und vor allem geht es um Heiner Bertram, den Präsidenten. Der 63-Jährige hat vor ziemlich genau sechs Jahren seinen Job in Köpenick angetreten, am 7. Oktober 1997. Jetzt soll alles vorbei sein. Warum?

Am Donnerstagabend, kurz nach 19 Uhr, teilte ihm Uwe Rade, der Chef des Aufsichtsrates mit, dass „wir im Rahmen der satzungsgemäßen Fristen Sie von ihrem Posten absetzen“. So, oder so ähnlich, „Argumente hatten die jedenfalls nicht!“, poltert Bertram. Er ist wütend, legt seine Brille ab, er spricht ruhig, „aber nicht über Emotionen“. Bei Fragen lächelt er. Sarkastisch. Bertram wird kämpfen, das steht fest, er kann sich durchsetzen, sehr gut sogar. Bertram war früher bei der Bundeswehr.

Lange gärte es schon im Verein. Früher waren es unzufriedene Fußballprofis, die den Präsidenten als „Sonnengott“ bezeichneten. Bertram konnte sich artikulieren, er ist gut gekleidet, trägt Hemden und moderne Anzüge. Bertram wohnt in Charlottenburg, er fährt Porsche. Aber intern sei er anders, schnell beleidigt und nachtragend, erzählen Spieler. Auch Georgi Wassilew, der ehemalige Union-Trainer, redete nicht immer freundlich über seinen Vorgesetzten.

Aber da war auch der andere Bertram. Der Mann mit Erfolg. Er hat Union vor der finanziellen Pleite gerettet, er hat den Deal mit „Kinowelt“ eingefädelt, der Union etliche Millionen Euro einbrachte. Danach schafften die Berliner den Aufstieg in die Zweite Liga, dann den Sprung in die Spitze der Spielklasse, Union stand im Endspiel des DFB-Pokals, vor zwei Jahren war das. Der Klub war auf dem besten Weg, eine Alternative in Berlin zu werden. Zu Hertha. Zum Westen. Union war der Klub des Ostens.

Heute ist der Verein nicht viel mehr als Kiezklub aus Berlin-Köpenick. Die Mannschaft spielt unattraktiv, sie steht am Tabellenende der Zweiten Liga. Und Bertram fuhr in den letzten Wochen einen Kurs, den niemand mehr so recht verstand. Mal sagte er, dass „wir einen Trainer in der Hinterhand haben“, mal sagte er, dass der derzeitige Coach Mirko Votava, „nicht zur Diskussion“ stehe. Der Aufsichtsrat war verwundert. Vorneweg der Aufsichtsratsvorsitzende Uwe Rade, der sich öffentlich darüber beschwerte, dass Votava einen Vertrag bis 2005 besitzt.

Bertram ist jetzt enttäuscht. Weil der Aufsichtsrat mit sieben Stimmen gegen ihn war. 0:7. „Ich habe gedacht, wir hätten ein freundschaftliches Verhältnis“, sagt er. Rade habe ihm mal mitgeteilt, dass „ich der Mann für die wichtigen Jahre“ war, jetzt aber hätten „sie Angst, dass ich unter Last zusammenbreche“. Bertram lacht, und die Union-Fans, die extra zur Pressekonferenz gekommen sind, lachen mit. Eine perfekte Inszenierung.

Ohne den Präsidenten geht es nicht bei Union. Er habe den Kontakt zu Banken und zum Deutschen Fußball-Bund. Er sitze im Vorstand der Deutschen Fußball-Liga. Bertram ist wichtig, aber so, wie er es da um 14.15 Uhr darstellte – so kommt es nicht immer gut an. Bertram sagt: „Da haben einige Herrschaften nicht zu Ende gedacht.“

Vielleicht hat der Präsident da gar nicht so Unrecht, er wies auch gleich darauf hin, dass „ich immer noch der Präsident“ bin. Der Aufsichtsrat habe nämlich in der Satzung „nicht richtig nachgelesen“. Da steht unter Abschnitt V, Paragraph 31, dass ein Präsidiumsmitglied „rechtzeitig vor der Abberufung unter Offenlegung der Gründe zu informieren“ sei. Mindestens drei Kalendertage vorher. Demnach ist Bertram noch bis Sonntagabend im Amt. Weil Bertram aber seine „sonntägliche Ruhe“ haben will, ist das nächste Treffen erst für Montag einberufen worden. Eine Provokation.

Nun hofft er auf die Fans. Wenn die „in den nächsten zwei, drei Wochen“ eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen, wäre Bertram zurück im Geschäft. Wenn dort dem Aufsichtsrat mit Zwei-Drittel-Mehrheit das Vertrauen entzogen wird, wäre Bertram wieder obenauf, eine Zusammenarbeit mit dem bisherigen Aufsichtsrat „würde es dann nicht mehr geben“. Und wenn die Fans gegen ihn stimmen? Ein neuer Präsident soll schon bereitstehen. Jürgen Schlebrowski, ehemaliger Nike-Manager. Bertram sagt dazu: „Dann habe ich verloren.“

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