Sport : Der schlaue Samurai

HSV-Stürmer Naohiro Takahara spielt Shogi, die japanische Variante des Schachs

René Gralla

Hamburg. Wie ein junger Samurai kommt er daher. Er hat das Haupt geschoren nach Art der Kriegermönche, sein Schritt ist leicht und federnd, der Mann scheint ständig auf dem Sprung. Naohiro Takahara, HSV-Import aus Fernost, ist bereit für ein Duell, das Konzentration und rasche Reflexe erfordert. Japans Fußballer des Jahres 2002 wird heute eine Partie Shogi spielen, im Vereinslokal „Lindenhof“ neben dem Trainingsgelände am Nordrand der Stadt.

Shogi? Das klingt fremd und sehr asiatisch. Entsprechend geheimnisvoll sieht die Mini-Arena aus, wo Takahara sein bisher unbekanntes Talent beweisen will: ein schlichtes Brett, unterteilt in neun mal neun Planquadrate. Säuberlich gestaffelt auf jeweils drei Reihen hintereinander, warten helle Holzplättchen, die rätselhaft beschriftet sind und sich vorne zu kleinen Angriffskeilen verjüngen. Shogi ist die japanische Variante des Schachs. Und als wäre der Denksport nicht schon vertrackt genug, hat ein echter Kaiser – der Monarch hieß Go- Nara und regierte Ende des 16. Jahrhunderts – per Dekret eine besondere Schikane verfügt: Offiziere und Bauern des Gegners, die geschlagen und erobert werden, dürfen auf der eigenen Seite wieder eingesetzt werden. Außerdem unterscheiden sich weiße und schwarze Partei allein durch die Richtung, die von der spitzen Frontpartie der Steine markiert wird.

Ausgerechnet mit einem derart kniffligen Spiel beschäftigt sich also dieser Naohiro Takahara. Und eigentlich will das nicht recht passen zum Image des 23-jährigen Stürmers: Der wird in seiner Heimat wie ein Popstar gefeiert, und eigens zum Dienstantritt in Hamburg Anfang Januar flogen mehr als 50 Korrespondenten ein. Takahara lacht. „Das ist doch nichts Besonderes. Shogi kennt fast jeder Japaner.“ Er selber sei fünf oder sechs Jahre alt gewesen, als er die Regeln gelernt habe.

Fünf oder sechs Jahre – das ist denkbar jung für eine Sportart, die sehr viel komplizierter ist als Schach. Womit sich wieder mal der Anfangsverdacht erhärtet: Sind die Asiaten eben doch grundsätzlich schlauer als die Europäer? Takahara weicht in höfliche Floskeln aus: „Ich glaube nicht, dass man das so direkt folgern kann.“ Außerdem würden „in der modernen Zeit“ auch viele japanische Kids „lieber Videogames spielen“.

Beim HSV hat der Sport des Denkens Tradition. Felix Magath, gegenwärtig Erfolgstrainer in Stuttgart, hat als HSV-Kapitän während der Achtzigerjahre den Schachsport propagiert. Bis hin zur Forderung, jeder Fußballer solle das Spiel lernen: um den strategischen Blick zu schulen, zum Beispiel für das Verhältnis zwischen Raum und Zeit. „Sehr interessant“, sagt Takahara. Doch eigentlich sehe er keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Schach und Fußball, aber andererseits, ja klar: „Es ist natürlich immer gut, sein Gehirn anzustrengen, um sich verschiedene Schritte zu überlegen. Und das kann dann natürlich auch beim Fußball helfen.“ Ob er nicht demnächst eine Shogi-Abteilung gründen will, beim Hamburger Sport-Verein, quasi als Asiens Antwort auf Felix Magath? Naohiro Takahara lacht noch einmal kurz auf. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich die anderen HSV- Spieler für japanisches Schach begeistern würden. Und es wäre wahrscheinlich auch für sie etwas anstrengend, die komplizierten Shogi-Regeln zu lernen.“

Das Demonstrationsspiel im Vereinslokal endet übrigens remis. Es ist nicht so recht zu sehen, ob Takahara zufrieden ist, aber es geht nicht anders. HSV-Trainer Jara bittet zum Training, und da muss auch der Star aus Fernost pünktlich sein.

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