Sport : Der Schleifer schweigt

Techniker Peter Lange fürchtet um seinen Job im Skispringen

Benedikt Voigt

Berlin. Öffentlichen Gesprächen mit Peter Lange mangelt es in diesen Tagen an Inhalt. Einen ersten Anruf in Falkenstein im Vogtland wimmelt der Skitechniker des Deutschen Skiverbandes mit einem Hinweis auf seine aktuelle Tätigkeit ab. „Ich habe das Wachs schon aufgetragen“, sagt der 57-Jährige, „jetzt muss ich es gleich abziehen.“ Am darauffolgenden Tag erzählt der Mann, der im deutschen Skisprungteam die Ski präpariert, nur noch, dass er gar nicht mehr reden will. „Es steht im Moment so viel in der Presse“, sagt Lange, „alles weitere kann unser Pressesprecher beantworten.“ Es klingt wie: Ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts mehr.

Der Wachser spricht nicht. „Er weiß, dass er in der Kritik steht“, erklärt Bundestrainer Wolgang Steiert, „deshalb ist er momentan nicht in der Position, Interviews zu geben.“ Lange müsse sich auf seine Arbeit konzentrieren. Es gab bereits mehrere Gespräche zwischen Trainer und Techniker. Inzwischen muss Lange sogar um seinen Job fürchten. „Die Techniker-Lage wird im Frühjahr analysiert“, sagt der Sportdirektor des Nordischen Bereichs, Rudi Tusch, „jetzt kann man noch nicht sagen, in welche Richtung es geht.“

Das Schweigen des Schleifers zeigt auch, wie schwer vor den beiden Nacht-Skifliegen an diesem Wochenende in Oberstdorf (jeweils ab 15.45 Uhr, live in RTL) der Druck auf dem deutschen Team lastet. Der einstige Star der Mannschaft, Sven Hannawald, ist aufgrund seiner Formkrise gar nicht erst angereist. Steiert sagt: „Er braucht Erfolgserlebnisse im Training, um mental wieder stärker zu werden.“ Momentan ist Hannawalds Rückkehr für Willingen geplant. Im aktuellen Klassement des Gesamtweltcups befindet sich kein Deutscher unter den ersten zehn. Eine Teilschuld soll Peter Lange tragen.

Jahrelang fuhren die deutschen Springer in der Anlaufspur die schnellsten Geschwindigkeiten, in dieser Saison ist das anders. „Wir sind nicht mehr unter den schnellsten Nationen“, sagte Steiert, der sich nach jedem Springen die Geschwindigkeiten nach den Teams aufschlüsseln lässt. „Teilweise waren wir noch nicht einmal unter den ersten vier.“ Für das Tempo ist der Skitechniker verantwortlich. Er wachst die High-Tech-Bretter und schleift mikroskopisch kleine Muster in die Oberfläche, die wie eine Miniatur-Drainage wirken und den Wasserfilm unterhalb des Ski abfließen lässt. Die Springer gleiten dadurch besser. Momentan stimmt etwas nicht: Der Schliff oder das Wachs oder die Ski. „Wir rätseln selber“, sagt Steiert.

Peter Langes Arbeit ist bedeutsam. „Wenn Michael Uhrmann auf einer K120-Schanze nur einen Kilometer schneller fährt“, erklärt der Cheftrainer, „dann springt er 130 Meter statt nur 120.“ Seit 1998 arbeitet der Skitechniker für die Skispringer, seine Arbeit galt bislang als untadelig. Vor dieser Saison hatte er ein Angebot des norwegischen Skiverbandes, dessen Trainer ihn unbedingt holen wollte. Mika Kojonkoski sagte: „Lange ist der beste Hoppsmörer den es weit und breit gibt.“ Mit Hoppsmörer bezeichnen die Norweger jene Tätigkeit, die Lange ausübt. Der Umworbene entschied für seinen alten Arbeitgeber.

Womöglich bereut er es in diesen Tagen. Schon beim ersten Weltcupspringen hat der neue Bundestrainer den braven Techniker öffentlich hart kritisiert. Bei der Vierschanzentournee bekam Lange in Roland Audenried erstmals einen Helfer zur Seite gestellt. „Das war kein Konkurrent“, erklärt DSV-Sprecher Markus Schick, „es gibt einfach während der Tournee unheimlich viel zu tun.“

Dem Bundestrainer kommt es nicht ungelegen, wenn sich die Kritik auf eine andere Person lenken lässt. Er steht in seiner ersten Saison selber unter Druck. Doch so weit gehen, und Hannawalds Formkrise seinem Techniker anlasten, möchte auch Steiert nicht. „Das Wichtigste sind immer noch die Athleten, die auf dem Ski draufstehen.“

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