Sport : „Der Schmerz lässt dich nicht mehr los“

Thorsten Engelmann und Sebastian Schulte kämpfen heute im Cambridge-Achter gegen Oxford

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Seit November quälen sich Sebastian Schulte und Thorsten Engelmann für das älteste und wahrscheinlich härteste Ruder-Rennen der Welt: Oxford gegen Cambridge. Die beiden Mitglieder des Deutschland-Achters studieren in Cambridge und sitzen heute beim 152. Boat Race im Ruder-Achter der „Hellblauen“ gegen die „Dunkelblauen“ von Erzfeind Oxford (17.30 Uhr, live bei Eurosport).

Statistiker haben ausgerechnet, dass Sie für jeden Schlag während des Rennens rund 600 Schläge trainiert haben. Alles für nur einen Tag: Wie groß ist Ihre Anspannung?

ENGELMANN: Für mich ist es ja die erste Teilnahme, und so langsam mischt sich Anspannung in die Vorfreude. Aber die Vorbereitung lief zufriedenstellend.

SCHULTE: Gerade die letzten beiden Wochen waren sehr gut. Wir haben an den letzten Feinheiten gefeilt, an der Taktik und am Schlagrhythmus.

Warum spielt beides bei diesem Rennen eine noch größere Rolle?

ENGELMANN: Normalerweise fahren wir 2000 Meter auf geraden Bahnen, hier knapp 7000 Meter. Vor allem kommen drei Kurven hinzu, eine unberechenbare Strömung und der Einfluss der Gezeiten.

Früher sind einige Crews sogar untergegangen, zuletzt 1978.

SCHULTE: Bei den Wettervorhersagen ist das nicht ausgeschlossen. Hart wird es in jedem Fall, das weiß ich vom letzten Jahr. Schon gleich nach dem Startspurt kriecht der Schmerz in dir hoch und lässt dich nicht mehr los. Aber schlimmer ist die mentale Belastung. Der einzige Gedanke während des Rennens ist: Ich darf nicht der Erste sein, der aufgibt!

Warum tun Sie sich das an? Sie sitzen im Deutschland-Achter und hatten im Leistungszentrum Dortmund eine Rundumbetreuung.

SCHULTE: Vielleicht klingt das pathetisch, aber das ist hier wie die Rückkehr zum Ursprung des Sports. 250 000 Zuschauer stehen am Ufer, im Fernsehen schauen sieben Millionen zu. Diese Begeisterung erlebst du sonst nicht.

Haben Sie sich selbst auch sportlich entwickeln können?

ENGELMANN: Ja, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe hier meine 2000-Meter-Zeit am Ergometer auf 5:48,9 Minuten verbessert, um 2,4 Sekunden.

Ist das Training länger oder intensiver?

ENGELMANN: Überraschenderweise beides.

Und wie halten Sie das durch? Lassen Sie Ihr akademisches Programm ruhen?

ENGELMANN: Nur in der Phase unmittelbar vor dem Rennen. Länger kann man sich das gar nicht leisten.

SCHULTE: Ich kann mir meine Zeit bei der Doktorarbeit ein bisschen freier einteilen. Aber ohne den unbedingten Ehrgeiz und Willen, sich hier sportlich und akademisch durchzusetzen, scheitert man. Wahrscheinlich ist es genau dieser Charakterzug, der uns zusammenschweißt, stärker als im Deutschland-Achter, wo man eher zufällig dieselbe Nationalität hat. Manchmal habe ich das Gefühl, mich mit Hellblau noch stärker identifizieren zu können als mit Schwarz-Rot-Gold.

14 der 16 Teilnehmer haben WM-Erfahrung, neun sogar Medaillen gewonnen. Bevorzugen die Unis diese Athleten bei der Zulassung?

SCHULTE: Nein, das ist verpönt. Es sind sogar schon mehrfach Olympiasieger abgewiesen worden, weil die akademischen Voraussetzungen nicht stimmten. Bei Vorstellungsgesprächen verschweigt man meist sogar besser, dass man ein guter Ruderer ist, sonst könnten die College-Vertreter den Eindruck gewinnen, man komme nur wegen des Boat Race.

Ist es nicht so?

ENGELMANN: Es ist eine Mischung aus allem: der große Name der Uni, die Tradition, sicher auch das Rennen. Wer einmal im „Blue Boat“ saß, profitiert davon häufig nicht nur sportlich.

Es heißt, eine Teilnahme sei eine Art Lebensversicherung.

SCHULTE: In vielen Branchen hat man zweifelsfrei deutlich bessere Chancen auf einen guten Job. Die ehemaligen „Blues“ bilden so eine Art Netzwerk, sie wissen schließlich, was sie in puncto Einsatzwillen erwarten können.

Das Gespräch führte Daniel Pontzen.

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