Sport : Der Schmerz macht stärker

Nach der Finalniederlage der Vorsaison will Dirk Nowitzki mit Dallas unbedingt den NBA-Titel

Sebastian Moll[New York]

Es ist für Dirk Nowitzki die vielleicht wichtigste Saison seiner Karriere als Basketball-Profi. In der Nacht zum Mittwoch begann die Spielzeit der National Basketball Association (NBA) mit dem Spiel Chicago Bulls gegen Miami Heat. Auf der offiziellen Internetseite der Liga ist Meister Miami laut Umfrage der Topfavorit auf den Titel, während Nowitzkis Klub Dallas Mavericks bei den Fans erst auf Rang drei folgt, noch hinter den Phoenix Suns. Derlei Ergebnisse interessieren Nowitzki allerdings nicht, der Mann aus Würzburg sagt: „Die Final-Niederlage gegen Miami war eine sehr schmerzhafte, aber auch lehrreiche Erfahrung. Diesmal wollen wir die Sache richtig machen und Meister werden.“

Der selbst gemachte Druck ist in Dallas also groß, vielleicht ist das aber gar nicht mal unberechtigt. Im vergangenen Jahr hatte den Mavericks gegen Miami nur wenig gefehlt, um zum ersten Mal in der Geschichte des Klubs die Trophäe nach Dallas zu holen. Im sechsten Spiel der Serie lag Dallas bereits mit 14 Punkten vorne und verspielte in einem einzigen schwachen Viertel die Meisterschaft. In der neuen Saison ist Miami zwar der Favorit der Fans, doch nicht unbedingt der Favorit der Fachleute. Shaquille O’Neal ist neben Dwayne Wade der Schlüsselspieler bei Miami, doch was kann der alternde Superstar noch bringen? Schon in der vergangenen Saison waren seine Statistiken wegen häufiger Ausfälle eher mittelmäßig, auch wenn er in den Play-offs noch einmal glanzvolle Momente hatte. Seine schmerzenden Knochen werden ihn in diesem Jahr gewiss nicht mehr durch eine volle Saison tragen, und Miami muss sich überlegen, mit wie wenig O’Neal das Team auskommen kann. Mit 20 Millionen Dollar ist Star-Center O’Neal nach Kevin Garnett von den Minnesota Timberwolves (21 Millionen Dollar Jahressalär) übrigens der Spieler, der in der 61. NBA-Saison am meisten verdient.

Nicht nur in Miami, auch bei den anderen Rivalen der Mavericks sieht es nicht nur rosig aus. Die Detroit Pistons haben ihren Abwehrspezialisten Ben Wallace an Chicago verloren. Die Phoenix Suns haben zwar ihren Jungstar Amare Stoudemire zurück, den sie im vergangenen Jahr schmerzlich vermisst haben. Man weiß jedoch nicht, wie gut er seine schwierige Knieoperation überstanden hat. In Dallas scheint hingegen alles zum Besten bestellt. Teambesitzer Mark Cuban hat den Kern seiner Erfolgsmannschaft zusammengehalten. Nowitzki bekam 60 Millionen Dollar und bleibt nun bis 2011 in Texas. Die anderen Säulen des Erfolgs, Jason Terry und Josh Howard, erhielten neue langfristige Verträge. Und der junge Coach Avery Johnson, der die Mavericks innerhalb von nur anderthalb Jahren zum absoluten Topteam geformt hat, wurde für weitere fünf Jahre verpflichtet. Der Kern der Finalmannschaft des vergangenen Jahres ist also derselbe.

Auf den anderen Positionen sind die Zugänge durchweg stärker als die Abgänge: Greg Buckner und Devean George verstärken die Verteidigung, und Austin Croshere wird Nowitzki in der Offensive entlasten. „Das ist eine Super-Mannschaft“, sagt Nowitzki, „wir haben alle Chancen.“ Trainer Johnson ist sich unterdessen sicher, dass sein deutscher Profi das Team führen wird. „Dirk ist unser Boss, und wir sind als Mannschaft nach der Finalniederlage im vergangenen Jahr gereift.“

Trotzdem, mit der knappen Finalniederlage haben Spieler und Trainer der Mavericks wohl immer noch zu kämpfen. „Den ganzen Sommer über musste ich mir das anhören“, klagt Johnson. Auch Nowitzki bekommt die Ereignisse des vergangenen Juni nicht aus dem Kopf. „Wir müssen das hinter uns lassen“, fordert er. Was nur zeigt, dass die Trauerarbeit noch nicht abgeschlossen ist. Deshalb empfiehlt Johnson erst einmal, einen Schritt nach dem anderen zu tun. „Es ist jetzt Oktober, wir müssen jetzt noch nicht an das nächste Finale denken.“ Erst einmal gehe es darum, in einen Spielrhythmus zu kommen, Spiele zu gewinnen. Und so komme nach und nach auch das Selbstvertrauen wieder zurück. Denn das fehlte den Mavericks zuletzt, um Meister zu werden.

Der Druck, der dabei auf dem deutschen Nationalspieler Dirk Nowitzki lastet, dürfte durch seinen lukrativen neuen Vertrag in Dallas eher zunehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass seine Saison-Vorbereitung nicht ideal war. Durch die Teilnahme an der WM in Japan fehlen dem 28-Jährigen knapp drei Wochen Erholung. Doch bei allem Druck, den sich die Mavericks in der neuen NBA-Saison machen – vielleicht kommt es den Profis entgegen, dass andere gar nicht so sehr mit ihnen rechnen: Ist für die Fans Miami der Titelfavorit, so tippt der Großteil der General Manager der 30 NBA-Klubs in einer Umfrage auf die San Antonio Spurs – den Klub, der am Donnerstag erster Saisongegner der Mavericks ist. Am vergangenen Freitag standen sich beide Teams schon in einem Testspiel gegenüber. Das Ergebnis war eindeutig. San Antonio siegte 100:79.

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