Sport : Der Schnee glitzert am Schwarzen Meer

Das IOC bereist gerade die Bewerberstädte für die Winterspiele 2014 – das russische Sotschi holt auf

Elke Windisch[Moskau]

Im südkoreanischen Pyeongchang waren sie gerade, für den kommenden Dienstag haben sie sich im russischen Sotschi angesagt, dann geht es weiter nach Salzburg. Die Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) prüft die drei Bewerber für die Winterspiele 2014. Und da sich die Gutachter nichts über die Qualität der Städte entlocken lassen, sind schon kleine Indizien wichtig. Die Reihenfolge, in der die IOC-Granden die potenziellen Austragungsorte aufsuchen, gilt in Russland als sicheres Indiz für die gegenwärtige Rangfolge der Kandidaten. Sotschi, bisher als chancenloser Außenseiter belächelt, hat sich demnach vor Pyeongchang positioniert, liegt jedoch nach wie vor hinter Salzburg. Den Zuschlag vergibt das IOC am 4. Juli in Lausanne.

In Sotschi wartet man schon gespannt auf die Delegation; Russland wünscht sich auch sportpolitisch wieder eine Aufwertung. Das neue Terminal des internationalen Flughafens soll bis zur Ankunft am Dienstag noch fertig werden. An die Bewohner der Plattenbauten entlang der Protokollstrecke ließen die Stadtoberen massenhaft Farbe verteilen, um die abgeblätterten Fassaden aufzumotzen. Denn die Spiele nach Sotschi zu holen, haben sowohl Präsident Wladimir Putin als auch der Gouverneur der Region Krasnodar, Alexander Tkatschow, zum nationalen Prestigeprojekt erklärt.

Insgesamt 314 Milliarden Rubel, also umgerechnet 9,2 Milliarden Euro, wollen Stadt, Regierung und Investoren bis 2014 investieren, um Sotschi das Entree als internationalen Wintersportkurort zu verschaffen. Die Investitionen sind höher als die russischen Haushaltstitel für alle nationalen Projekte – Bildung, Gesundheit, Förderung junger Familien – zusammen. Sotschis Bewerbung soll eine Vorreiterrolle spielen, um Russland für den Massentourismus attraktiv zu machen.

In Sotschi glaubt man, viele Trümpfe in der Hand zu haben: zum Beispiel den sonst in Wintersportorten fehlenden Schnee. Sotschi liegt zwar direkt am Schwarzen Meer und damit in den Subtropen, ist jedoch von den Ausläufern des Westkaukasus umgeben. Die sind gewöhnlich von einer bis zu sechs Meter dicken Schneeschicht bedeckt – auch in diesem warmen Winter. Auch sollen alle Wettkampfstätten, das Olympische Dorf und das Pressezentrum dicht beieinander liegen, die Fahrzeiten für Sportler und Zuschauer daher maximal 40 Minuten ausmachen. In Turin waren es im schlimmsten Fall fast drei Stunden.

Die Nachteile verschweigen russische Politiker allerdings dezent: Olympiataugliche Pisten, Eisstadien und fast alle Hotels existieren bisher nur als Blaupausen oder Computeranimationen. Schlimmer noch: Die Randgebiete der Stadt mit 400 000 Einwohnern werden erst jetzt an die Strom- und Gasversorgung angeschlossen. Mancherorts wird Abwasser ungereinigt in die kristallklaren Bergflüsse eingeleitet, weil auch die Kanalisation noch nicht überall funktioniert.

Wettkampfstätten und Hotels – geplant sind 19 Bettenburgen für 29 000 Gäste – sollen unmittelbar an den Grenzen des Nationalparks „Westkaukasus“ entstehen, der zum Weltnaturerbe gehört, sowie im Naturschutzgebiet „Krasnaja Poljana“. Einwände seiner Beamten, dies sei verboten, fegte Gouverneur Tkatschow mit den Worten vom Tisch, Gesetze kümmerten ihn nicht, wenn der Präsident die Spiele wolle. Russlands Regierung mogelte sich daher Anfang Februar mit einer Sondergenehmigung aus der Affäre. Begründung: Die geplanten Bauten in den Reservaten seien „sozial bedeutsam“. In Wahrheit, so kritisieren Umweltschützer, handle es sich um Nobelabsteigen, Skilifte, Golfplätze und Vergnügungsetablissements. Dadurch sei der Bestand seltener Arten von Flora und Fauna akut gefährdet. Auch drohen durch die Abholzung der Berghänge Bodenerosion, Lawinen und Erdrutsche. Das Projekt Olympia sei, rügten die Gegner bei einer Pressekonferenz in Moskau, „so gefährlich wie die zu Sowjetzeiten geplante Umleitung sibirischer Flüsse“. Und genauso absurd.

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