Sport : Der schöne Traum von der NBA ist geplatzt

HORST SCHNEIDER

SEATTLE .Christian Welp beim gemütlichen Fischen an irgendeinem See im Nordwesten der USA - dieses Bild von dem mittlerweile 35jährigen ehemaligen Nationalcenter herrschte in Deutschland vor, seitdem dieser im Sommer seinen Job beim Deutschen Basketball-Meister Alba Berlin quittiert hatte.Mit der Realität hatte das jedoch außer der Tatsache, daß der gebürtige Norddeutsche seit acht Monaten wieder in seiner Wahlheimat Seattle im US-Staat Washington lebt, nichts gemein."Ich weiß auch nicht, woher das stammte", wundert sich Welp über die Hartnäckigkeit, mit der sich das Gerücht von seinem angeblichen Karriereende über Monate hielt.

Tatsächlich hatte der dennoch ganz und gar nicht "amtsmüde" Welp im Sommer Angebote wie jenes des französischen Erstligisten Olympique Antibes abgelehnt: "Wir haben nicht soviel Geld, aber bei uns scheint immer die Sonne!" So wollte man den deutschen Basketballer ans Mittelmeer locken.Aber so billig war der Star des Europameisters 1993, der zudem bisher in Europa jede Saison mit dem Gewinn der nationalen Meisterschaft (sechsmal mit Leverkusen, je einmal mit Olympiakos Piräus und Alba Berlin) abschloß, natürlich nicht zu haben: "Alle Angebote aus Europa hatten irgendeinen Haken.Entweder stimmte das Finanzielle nicht, oder die Umgebung des Vereins gefiel mir nicht", befand Christian Welp und begann, sich vorsichtig in eine andere Richtung zu orientieren.

Ab Oktober traf er sich regelmäßig mit den NBA-Größen der Seattle Supersonics zum gemeinsamen Training.Detlef Schrempf, Vin Baker und Gary Payton sahen sich wegen des Arbeitskampfes in der NBA gezwungen, ihr Training in Eigenregie zu gestalten.In Ermangelung eines Centerspielers war man schnell auf den 2,12 m langen Welp gekommen, der mit 2073 Punkten immer noch die ewige Korbjägerliste der örtlichen College-Mannschaft "Washington Huskies" anführt und demzufolge in Seattle eine große Popularität genießt.Mit dem Ende des Arbeitskampfes wurde die Sache ernst: Welp wurde in das offizielle Trainings-Camp der Sonics eingeladen und durfte sich gewisse Chancen ausrechnen, nach acht Jahren Europa ein Comeback in der US-Profiliga zu feiern, wenn auch nur als Ersatzspieler.

Doch schon bei der Vertragsunterzeichnung wartete auf den Deutschen die große Ernüchterung: "Ich erhielt nur einen Minimum-Vertrag ohne Garantie", sagt Welp und bringt Licht in die außerhalb der USA oft falsch interpretierten Verträge, die die NBA mit frei auf dem Markt verfügbaren Spielern abschließt.Rund 20 Spieler hatten die Sonics in der letzten Januarwoche unter Vertrag, bis zum Saisonstart am 5.Februar muß dieser Kader gemäß NBA-Reglement auf zwölf reduziert werden.Beim Blick auf seine Konkurrenten im Zwanziger-Kader mußte Welp realistisch erkennen: "Da sind jetzt plötzlich so viele gute Center dabei, meine Chancen sind praktisch auf Null gesunken.Spätestens beim letzten Cut, wahrscheinlich aber schon früher, werden die Sonics mich entlassen." Er behielt recht.Am Mittwoch trainierte er letztmals mit, am Donnerstag wurde ihm mitgeteilt, daß man ohne ihn weiterplane.

Der Traum vom NBA-Comeback ist zur großen Enttäuschung des letztjährigen Berliners geplatzt: "Schade, das wäre natürlich ideal gewesen.Eine Saison in der NBA, dazu noch in der eigenen Stadt." Aber im harten Geschäft der US-Profi-Liga ist für solche Sentimentalitäten kein Platz.Christian Welp wußte von Anfang an um das Risiko und steckte die Enttäuschung weg, indem er seinem Agenten neue Anweisungen gab: "Ich bin jetzt in Form und will unbedingt noch ein wenig in Europa spielen." In Deutschland ist die Wechselfrist für die laufende Saison bereits abgelaufen.Aber in vielen anderen Ländern besteht noch die Möglichkeit, nachträglich Spieler zu engagieren.Die Fische im Raum Seattle können vorerst aufatmen: Christian Welp spielt weiter Basketball - die Angel bleibt im Schrank.

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