Sport : Der Schöngeist

Junioren-Nationalspieler Broich besticht durch seine Virtuosität

Stefan Hermanns

Mönchengladbach. Thomas Broich übt einen überaus positiven Einfluss auf seine Umgebung aus. Vor kurzem hat ein Reporter der „Bild“-Zeitung den Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach im Flugzeug dabei beobachtet, wie er „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von Rainer Maria Rilke gelesen hat. Als der Journalist später zu Hause angekommen war, hat er selbst das Buch von Rilke aus seinem Bücherschrank hervorgeholt.

Der positive Einfluss Broichs macht sich auch auf dem Fußballplatz bemerkbar. Seit Januar spielt der 23-Jährige für Gladbach, vier Tore hat er seitdem vorbereitet und eines geschossen. Broich ist der Schöngeist im Gladbacher Spiel, einer, der eine Abwehr knacken kann, der den Ball streichelt und präzise Freistöße schießt – der also all das kann, was die meisten Gladbacher nicht können. Seine Kollegen nennen ihn Mozart, weil er gelegentlich klassische Musik hört. „Wenn damit eine gewisse Virtuosität verbunden wird“, sagt Broich, „ist das doch nicht der schlechteste Spitzname.“

Vor ein paar Monaten noch hat Broich beinahe unbemerkt bei Wacker Burghausen in der Zweiten Liga gespielt. Richtig aufgefallen ist er, als er sich mit der U-21-Nationalmannschaft für die Europameisterschaft qualifiziert hat. Erst danach zeigten ein paar Bundesligisten Interesse an einer Verpflichtung: der TSV 1860 aus seiner Heimatstadt München, Hannover und eben die Gladbacher. Mittlerweile hat Bundestrainer Michael Skibbe ihn sogar als Nachrücker für die EM in Portugal ins Gespräch gebracht. Sich ernsthaft damit auseinander zu setzen, „wäre das Verkehrteste, was ich machen könnte“, sagt Broich.

In Mönchengladbach ist der 23-Jährige ohnehin in eine Rolle geraten, für die er eigentlich zu unerfahren ist: Er soll den Verein vor dem Abstieg retten. Das sagt nicht nur viel über Broichs Fähigkeiten aus, sondern auch über die Qualität der Mannschaft. Je schlechter die Zeiten, desto größer die Sehnsucht nach neuen Helden, und gerade in Gladbach hat es in dieser Rolle schon prominente Vorgänger gegeben. 1990 fokussierte sich die Hoffnung im Abstiegskampf auf den damals 21 Jahre alten Stefan Effenberg. 1999 wurde Sebastian Deisler, gerade 19, in eine ähnliche Rolle gedrängt.

Broich ist Mitglied einer jungen, zumindest silbernen deutschen Fußballer- Generation, zu der auch Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski gehören. Beide wurden ebenfalls schon als mögliche Kandidaten für die EM in Portugal genannt, werden aber wahrscheinlich wie Broich mit der U 21 um die Qualifikation für Olympia spielen. Ulli Stielike, der Trainer der U 21, die heute in Griechenland ein Testspiel bestreitet (20.15 Uhr, live im DSF), sagt, dass Broich mit seiner Technik wenig Probleme in der Bundesliga bekommen werde, „aber um eine wichtige Rolle zu spielen, muss er erst mal in jedem Spiel 90 Minuten auf dem Platz stehen“.

Nur vier seiner bisherigen zehn Bundesligaspiele hat Broich über die volle Distanz bestritten. Ihm fehlt noch die Fähigkeit, seine Anstrengungen richtig zu dosieren. Vor ein paar Wochen, vor dem wichtigen Spiel gegen Hannover, hat Broich seinen Trainer Holger Fach sogar gebeten, ihn nicht aufzustellen. Nach seinen ersten vier Einsätzen in der Bundesliga fühlte er sich ausgelaugt. Hätte er trotzdem spielen wollen, „wäre das einfach dumm gewesen“, sagt Broich. Dummheit aber kann man ihm ganz bestimmt nicht vorwerfen.

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