Sport : Der Schutz ist nur ein dünner Anzug Warum Rodeln weiterhin lebensgefährlich ist

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Tod auf der Bahn. Bei Olympia verunglückte Nodar Kumaritaschwili. Schon am nächsten Tag gingen die Rennen weiter. Foto: AFP
Tod auf der Bahn. Bei Olympia verunglückte Nodar Kumaritaschwili. Schon am nächsten Tag gingen die Rennen weiter. Foto: AFPFoto: AFP

Noch heute fällt es Patric Leitner schwer, das Geschehen in Worte zu fassen. Er weiß ganz genau, wann es passierte und wie es passierte, nur schildern kann der Rennrodler die Dinge rund um den 12. Februar 2010 kaum.

Am 12. Februar 2010 verunglückt Nodar Kumaritaschwili in der Bob- und Rodelbahn von Whistler tödlich.

Patric Leitner, der im Doppel mit Alexander Resch startet, steht einige Meter entfernt, als es den Georgier beim Abschlusstraining an diesem Tag aus der Eisrinne katapultiert. An einen Schrei erinnert sich Leitner, und daran, wie Kumaritaschwilis Körper gegen einen Stahlträger klatschte. „Ich wusste sofort, dass etwas ganz Böses passiert sein muss“, erzählt Leitner ein paar Monate nach der Tragödie. „An der Strecke verbreitete sich plötzlich eine ganz merkwürdige Stimmung. Schlagartig war einem bewusst, wie gefährlich der Sport ist.“

Und tatsächlich: Keine andere Geschichte hat Athleten und Zuschauern im vergangenen Jahr so sehr verdeutlicht, wie gefährlich Leistungssport ist. Und wie brutal. Nur einen Tag nach dem Todessturz in Kanada fuhren die Rodler schon wieder im olympischen Wettkampf. Leitner ertrug es schwer, dass „beim Frühstück noch einige weinten und nur zwei Stunden später schon wieder die Bahn hinunterrasten“. Die Bahn im Whistler Sliding Centre ist genauer gesagt ein Hochgeschwindigkeitsparcour; „Fifty-Fifty“ tauften Bobfahrer und Rodler die gefährlichste seiner 16 Kurven – nach der Wahrscheinlichkeit, heil durch sie hindurchzukommen. Obwohl die Strecke wie alle anderen nach dem Todesfall an einigen Stellen entschärft wurde, fährt das Risiko immer und überall mit. „Dessen muss man sich bewusst sein“, sagt die derzeit erfolgreichste Rennrodlerin Tatjana Hüfner. „Ein gesunder Respekt vor jeder Strecke ist immer angemessen, nur Angst sollte nicht dabei sein. Dann passieren automatisch Fehler.“

In der Tat bewegen sich Hüfner und Kollegen auf einem schmalen Grat. Spektakulär sieht es aus, wenn sie wie Flundern auf ihren Schlitten liegen; wie groß aber die Gefahr ist, sehen die Zuschauer oft nicht. Dabei trennt die Rodler-Körper nur ein dünner Anzug von der Eisrinne, selbst der kleinste Fahrfehler kann bei Geschwindigkeiten von bis zu 150 Stundenkilometern gravierende Folgen nach sich ziehen. Blaue Flecken gehören zum Alltag der Athleten, doch sie sind der harmlose Part. Im Leben von Alexander Resch und Patric Leitner, den Bronzemedaillengewinnern von Vancouver im Doppelsitzer, gibt es kaum eine Verletzung, die sie nicht ereilte. Resch wurde im Laufe seiner Karriere an Hüfte, Oberschenkel, Kniescheibe und Wade operiert, Leitner an Knie, Ellbogen und an der Schulter, zudem hat er eine künstliche Bandscheibe.

Im Doppelsitzer potenziert sich die Sturzgefahr im Vergleich zum Einer noch einmal. „Ein Einsitzer ist so etwas wie ein Gokart, ein Doppelsitzer eher ein Bus oder Lkw“, beschreibt es Leitner. Nicht eine Saison lang schaffte er es mit seinem Partner, den Lkw unfallfrei durch die Bahnen dieser Welt zu manövrieren. Wie man damit umgeht? Leitner und Resch haben sich vor jedem Wettkampf für alle schwierigen Kurven einen Notfallplan zurechtgelegt und sich jedes Mal aufs Neue „die Frage gestellt, ob man bereit ist, das Risiko einzugehen“, erzählt Resch. „Beim kleinsten Zweifel muss man sich für die Antwort ‚nein‘ entscheiden.“

Und das deutsche Doppel hat sich inzwischen entschieden: Es hat seine Karriere beendet – auch, weil es das Schicksal nicht länger herausfordern wollte. Patric Leitner sagt: „Wenn ich einige Bahnen so sehe, bin ich froh, dass ich da nie wieder herunterfahren muss.“

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