Sport : Der Schwabo von Belgrad

Lothar Matthäus lernt eifrig Serbisch und hebt das Lachverbot für seine Mannschaft auf

Gemma Pörzgen

Von Gemma Pörzgen

Belgrad. Noch ist in Belgrad alles neu für Lothar Matthäus. Seit knapp drei Wochen arbeitet er als Trainer bei Partizan Belgrad, doch im vereinseigenen modernen Trainingszentrum am Rande der Stadt bewegt sich der 41-Jährige schon, als wäre er hier zu Hause. Beim Eintritt ins Klub-Restaurant schüttelt er schnell selbst die Tischdecke aus, um die Krümel vom Tisch zu entfernen. Bei der Bestellung hapert es zwar noch mit der Sprache. Aber Matthäus hat fest vor, Serbisch zu lernen.

„Erste Wörter kann ich schon“, erzählt er. Was beim Fußball eben wichtig ist: „Rechts, links, geradeaus.“ Von der jugoslawischen Hauptstadt hat er noch nicht soviel gesehen, außer ein paar Restaurants. Matthäus sucht eine Wohnung. Noch wohnt er im Hotel. Nach München, Mailand, New York und Wien mache Belgrad auf den ersten Blick nicht viel her, aber die Stadt habe „Herz und Seele“, sagt Matthäus und schwärmt von der Offenheit und Herzlichkeit der Menschen. Er hofft auf den Sommer, wenn „auf den Donau-Schiffen die Post abgeht und in Belgrad Lebensfreude pur herrschen soll“.

Die Post geht zuweilen auch im Stadion ab. Partizans Fans nennen sich „Grobari“ (Totengräber) und sind für ihre Ausfälle berüchtigt. Als Bayern München im August zu einem Qualifikationsspiel für die Champions League bei Partizan antrat, wurden die Spieler mit Wurfgeschossen und Leuchtraketen empfangen. Bayern-Torhüter Oliver Kahn und ein Assistent des Schiedsrichters wurden am Kopf verletzt. Partizan musste sein nächstes Heimspiel im Europapokal zur Strafe vor leeren Rängen abhalten.

Darüber mag Matthäus nicht sprechen. Über seine neue Mannschaft auch noch nicht. Beim Training will der Schwabo, wie Deutsche in Serbien gerne genannt werden, erst einmal die Stärken und Schwächen der Spieler kennen lernen. Als erstes hat er eine Vorschrift abgeschafft, nach der das Lachen beim Training verboten ist. „Die Spieler sollen bei der Arbeit auch Spaß haben“, sagt Matthäus. Und: „Die Spieler sollen sich selbst erziehen.“ Der Klub lässt ihn gewähren. „Ich freue mich, dass wir eine der größten Legenden des Weltfußballs als Coach verpflichten konnten“, sagte Klub-Präsident Ivan Curkovic bei der Vorstellung des Deutschen und machte gleich klar: „Er soll uns endlich in die Champions League führen.“ Dafür erhält Matthäus angeblich 50 000 Euro im Monat, doppelt so viel wie sein Vorgänger Ljubisa Tumbakovic.

Matthäus weiß, was von ihm erwartet wird: „Wir haben die Verpflichtung, für den serbischen Fußball zum Aushängeschild zu werden“, schließlich sei Serbien ein fußballverrücktes Land. „Vom Erfolg profitieren wir alle.“ Die Spieler könnten international auf sich aufmerksam machen und der Klub sich insgesamt besser vermarkten. Und nicht zuletzt könnte der Trainer, dessen Ruf nach dem missglückten Debüt bei Rapid Wien zuletzt ein wenig gelitten hatte, wieder ein bisschen Eigenwerbung betreiben.

Für Branislav Parovic ist Matthäus „das schönste Neujahrsgeschenk für den Sport in Jugoslawien“, das größte Sportereignis für Serbien seit dem Triumph der Basketball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in den USA. Parovic ist der Sportchef der populären Tageszeitung „Blic“, und er ist von Zeit zu Zeit als Trainingsgast bei Partizan zu sehen. „Matthäus kommt aus einem Land, das bei uns für Arbeit und Disziplin bekannt ist“, sagt Parovic. „Er wird sich erst an die Mentalität hier gewöhnen müssen.“ In Serbien sei Fußball bisher nur ein Spiel, mit dem deutschen Trainer müsse es zur Profession reifen.

Aber auch die Serben wissen, dass es der Schwabo nicht immer allzu sehr mit der Professionalität hält. Die plötzliche Trennung von einer 17-jährigen Freundin ist ein beliebtes Thema in den Belgrader Cafés, eifrig wird über serbische Schönheiten an seiner Seite spekuliert. Zumindest in diesem Punkt hat sich für Matthäus nichts geändert: Auch in Serbien wird nicht nur im Sportteil über ihn berichtet.

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