Sport : Der schwache starke Mann

Luan Krasniqi kann heute Schwergewichts-Weltmeister werden – und sein Bild als Weichling tilgen

Peter S. Kaspar

Berlin - Sie redeten auf ihn ein in der Ringecke, aber er schüttelte den Kopf. „Schluss“, sagte er und noch einmal: „Schluss“. Fernsehkameras fingen den entschlossenen Blick des erschöpften Luan Krasniqi ein. Seine Betreuer waren entsetzt. Er führte doch klar in diesem Boxkampf gegen den Polen Przemyslaw Saleta, die Verteidigung seines Europameister-Titels schien doch nur noch eine Formsache. Und nun gab er in der achten Runde auf. 2002 war das, und die Szene bekam eine symbolische Bedeutung. Krasniqi, der Weichling, so blieb er in Erinnerung. Die Fans wollen harte Männer sehen, einer der aufgibt, an dem haftet so etwas wie ein Brandmal.

Jetzt ist Luan Krasniqi zurück. Er hat sich nicht verkrochen, er kämpft heute in Hamburg gegen den US-Amerikaner Lamon Brewster um den WM-Titel des Verbandes WBO (22.15 Uhr, live im ZDF). Es ist ein symbolisch überhöhter Kampf. Heute wäre Max Schmeling, der legendäre Weltmeister im Schwergewicht, 100 Jahre alt geworden. Krasniqi kämpft deshalb gegen die Strahlkraft eines Schmeling, und er kämpft gegen sein eigenes Image. Wie sehr belastet ihn das? Torsten Schmitz stöhnt. Dann sagt er: „Er hat eine Erfahrung gesammelt. Auch aus schlechten Dingen kann man Gutes ziehen.“ Schmitz ist Krasniqis Trainer, er muss seinen Athleten besonders stark reden. Deshalb sagt er: „Luan ist sich der historischen Aufgabe bewusst“. Und: „Er macht einen guten Eindruck.“ Krasniqi sagt kurz vor dem Kampf gar nichts mehr. Auch Schmitz will nicht viel heruminterpretieren: „Ich kann nicht in seinem Kopf hineinsehen. Eigentlich kennen wir uns nur aus dem Trainingslager.“ Luan Krasniqi, das ist immer noch ein Rätsel.

Der 34-jährige, gebürtige Kosovo-Albaner mit deutschem Pass war einmal ein Mann mit enormen Perspektiven. Zehn Jahre ist das her. Da kämpfte der Amateur Krasniqi bei den Weltmeisterschaften in Berlin. Es war seine erste WM, aber er besiegte Wladimir Klitschko souverän, er zog ins Finale ein. Aber dort wartete Felix Savon, die Legende aus Kuba, der vermeintlich Unschlagbare. Vor dem Kampf sah Krasniqi den Kubaner beim Schattenboxen. „Ist der groß“, sagte er entsetzt. Im Ring war der Mann aus dem schwäbischen Rottweil nur noch ein Schatten seiner selbst. Er verlor in der zweiten Runde. Aber die Experten hatten sein Potenzial längst erkannt.

Krasniqi hatte nun eine fixe Idee: ein Sieg gegen Savon. Bei den Olympischen Spielen 1996 sollte er auf ihn treffen, aber der Kubaner verletzte sich. Krasniqi gewann Bronze, aber er konnte sich nicht richtig freuen. Der Sieg gegen Savon fehlte. Krasniqi schlug alle Profi-Angebote aus, während Henry Maske und Axel Schulz Boxen salonfähig machten. Er wollte Savon besiegen. Doch der trat nach einer Niederlage gegen einen Nobody zurück.

Profi wurde Krasniqi zu spät, um nicht im Schatten von Maske und Schulz zu verschwinden. Er bestritt ein paar unbeachtete Kämpfe, deshalb kannte auch niemand seine Charakterstärke. Bei den deutschen Meisterschaften 1994 traf er im Finale seinen Gegner Erik Fuhrmann in der ersten Runde schwer. Fuhrmann kippte nach vorne, und Krasniqi fing ihn auf. „Danke, Luan“, flüsterte ihm Fuhrmann zu, ehe er später doch K.o. ging. Ein Boxer, der seinen Gegner vor dem K.o. rettete – eine solche Geschichte blieb verborgen hinter dem Bild des Weichlings.

Nach dem Saleta-Fiasko trennte sich sein Trainer von ihm und übernahm das Talent Sinan Samil San. Der wurde Europameister, und sein Teamkollege Krasniqi sollte ihm als Aufbaugegner dienen. Doch Krasniqi holte den Titel zurück.

Neun Monate nach seinem Blackout boxte Krasniqi wieder gegen Saleta. Er traf ihn in der ersten Runde schwer – diesmal fing er den Gegner nicht auf.

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