Sport : Der Schweizer Macher

Dietrich Schulze-Marmeling

Es ist keine vier Jahre her, dass der Schweizer Joseph Blatter im Vorfeld des WM-Turniers in Frankreich zum Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa gewählt wurde. Dennoch wird dauernd über seine Absetzung spekuliert. Nicht nur in Europa, wo Blatter bereits vor seiner Wahl umstritten war, sondern auch in den früheren Blatter-Bastionen Asien und Afrika macht sich Unmut breit. Als Gegenkandidaten beim Fifa-Kongress in Seoul im Mai werden der südkoreanische Fifa-Vize Chung Mong Joon und der Präsident des afrikanischen Fußballverbandes, Issa Hayatou aus Kamerun, gehandelt. Die Vorwürfe sind immer dieselben: selbstherrlicher Führungsstil, undurchsichtiges Finanzgebaren, Korruption.

Bislang hatte sich Blatter immer wieder durchlaviert. Doch jetzt wächst der Druck. Erstmals gibt es konkrete Bestechungsvorwürfe vor laufender Kamera. Rufe nach einem Untersuchungsausschuss zu Blatters Wahlerfolg im Juni 1998 werden lauter. Und selbst in seiner Heimat wird das Bild des Schweizer Machers getrübt. Das Fernseh-Magazin "Reporter" strahlte im Schweizer Fernsehen eine Blatter-Story aus. Darin untermauerten die somalischen Funktionäre Farah Addo und Mohiadin Hassan Ali ihre am Donnerstag über die englische "Daily Mail" öffentlich gewordenen Bestechungsvorwürfe. Für ihre Stimmen bei der Blatter-Wahl sei ihnen Geld geboten worden, gaben die afrikanischen Funktionäre zu Protokoll. Addo sagte, er habe das Angebot abgelehnt und dadurch massive Schwierigkeiten bekommen. Insgesamt seien 18 Stimmen aus Afrika erkauft worden. Addo behauptet zudem, Blatter habe von den Bestechungen gewusst.

"Das ist Teil einer Kampagne mit dem Ziel der Destabilisierung und Diffamierung, die direkt gegen mich gerichtet ist", ließ Blatter mitteilen. Und zunächst war ihm sein ewiger Kontrahent Lennart Johansson, der Chef des europäischen Fußballverbandes Uefa, sogar beigesprungen. Er wolle kein schlechter Verlierer sein und nicht nachkarten, ließ Johansson verlauten. Der Schwede war dem Schweizer 1998 bei der Wahl zum Fifa-Chef unterlegen. Gestern klang das alles schon anders: "Zum ersten Mal erschienen Namen von Leuten, die verbürgte Aussagen machen, dass die Wahlen manipuliert waren. Diese Statements müssen wir gründlich untersuchen, damit kein Schatten der Unehrlichkeit auf der Fifa liegen bleibt", sagte Johansson der Nachrichtenagentur Reuters.

Unehrlichkeit. Das ist das Stichwort. Mit seinen Versprechungen und Verlautbarungen hat es der Fifa-Chef nie so genau genommen. Im Mai 2001 etwa hatte der Fifa-Hausvermarkter ISL Bankrott gemacht und einen Schuldenberg von mindestens 3,6 Milliarden Franken hinterlassen. Während Blatter den Verlust für die Fifa auf "lediglich" 55 Millionen Franken bezifferte, wurde die Summe von unabhängigen Marktexperten auf das Zehnfache taxiert. Zugleich meldeten einige Zeitungen, dass die Fifa die Vermarktungserträge für die beiden kommenden WM-Turniere für 725 Millionen Schweizer Franken an die Crédit-Suisse-Gruppe (CSFB) verpfändet habe. Auch das auf jährlich über vier Millionen Franken geschätzte Gehalt des Fifa-Bosses war nun plötzlich ein Thema. Immer mehr Elemente des "Systems Blatter", das lange im Verborgenen funktioniert hatte, wurden jetzt öffentlich diskutiert.

Der Ziehvater

Um das System Blatter zu verstehen, bedarf es eines Ausflugs in die Ära seines Vorgängers Joao Havelange. Denn das System Blatter ist die Fortsetzung des Systems Havelange, das in seiner Endphase ebenfalls in die Kritik geriet. Havelanges Wahl zum Fifa-Präsidenten 1974 markierte einen Einschnitt in der Geschichte des Weltverbands. Anders als sein Vorgänger, der Brite Stanley Rous, war der brasilianische Geschäftsmann und Großgrundbesitzer ein Quereinsteiger, kein Mann des Fußballs.

Außerdem kam mit Havelange der Fifa-Boss erstmals nicht aus Europa. Havelange präsentierte sich bewusst als Förderer der Dritten Welt. Dort sah er das größte Potenzial an Unterstützern. Seit dem Zweiten Weltkrieg war die Zahl der Fifa-Mitglieder stetig gestiegen. Das Ende der Kolonialzeit und die Gründung vieler neuen Staaten blieben nicht ohne Folgen auf die Zusammensetzung des Weltverbands und dessen interne Kräfteverhältnisse. Während seines Wahlkampfes besuchte Havelange 86 Fifa-Länder, vornehmlich in Afrika und Asien, wo die meisten Stimmen zu holen waren. Privat sponserte der Kandidat den Delegierten dieser Kontinente die Reise zur Präsidentenkür.

Auch Adidas-Chef Horst Dassler mischte mit. Dassler versprach sich von Havelange Vorteile für sein Sportartikel-Imperium. Den Brasilianer Havelange und den Spanier Juan-Antonio Samaranch verband mit dem Deutschen Dassler die Ablehnung der "Anglos" und deren Hegemonie in der internationalen Sportpolitik. Samranach führte das Internationale Olympische Komitee (IOC) als Präsident zu einem Global Player, Havelange schmiedete aus der biederen Fifa ein global operierendes Wirtschaftsimperium. Erst unter seiner Regentschaft wurden die Fifa und die Weltmeisterschaft zu einer globalen Angelegenheit. Der Brasilianer baute dabei auf die Unterstützung durch internationale Konzerne wie Coca-Cola, die im Windschatten des Fifa-Expansionismus neue Märkte durchdrangen und Imageverbesserung betrieben. Aus der Fifa wurde ein privates Unternehmen, das sich zwar einen karitativen und demokratischen Anstrich gab, aber nur, um externen Kontrollen zu entgehen.

Als der Patriarch die Fifa-Zentrale 1998 verließ, wurde der globale Umsatz der Kicker-Branche auf jährlich 250 Milliarden Dollar beziffert und lag somit um rund 80 Milliarden über dem des Autokonzerns General Motors. Die Fifa war zur weltweit reichsten Sportautorität avanciert, deren Funktionäre in den teuersten Hotels logierten, bei den Staatsoberhäuptern offene Türen einrannten und mit den Fürsten der Regionalverbände eine neue Aristokratie bildeten. 1974 zählte die Fifa weniger als 100 Mitglieder. Zur Jahrtausendwende waren es 203 - mehr als die UN Mitgliedsstaaten haben. Zuweilen eilte Havelanges Fifa der Politik voraus: 1998 wurde Palästina Voll-Mitglied, ohne dass die Palästinenser über einen souveränen Staat verfügten. Das lange Zeit in Isolation verharrende China wurde auch mit Hilfe des Fußballs zurück ins globale ökonomische und politische Netzwerk gebracht.

Die fehlerhafte Kopie

Joseph Blatters Fifa-Karriere begann nur kurze Zeit nach dem Amtsantritt Havelanges. Der Schweizer war dem Brasilianer von Horst Dassler empfohlen worden, auf dessen Lohnliste Blatter damals stand. Wie Havelange war auch Blatter ein Quereinsteiger, der zuvor unter anderem in den Diensten der Schweizer Eishockeyliga und der Tourismus-Union im Wallis gestanden hatte. 1977 wurde Blatter Technischer Direktor, 1981 Generalsekretär der Fifa. Blatters Basis waren ebenfalls die nationalen Verbände Asiens und Afrikas. Mit ihrer Hilfe setzte er sich gegen Johansson durch, der für den Fall seiner Wahl eine Demokratisierung der Fifa versprochen hatte. Eine Reihe von Dritte-Welt-Ländern sah jedoch in Johansson einen Vertreter des Eurozentrismus. 111 der Delegierten votierten für den Schweizer, 80 für den Schweden. Auch der DFB stimmte für Blatter, um sich im innereuropäischen Bewerber-Stechen mit England um die Austragung der WM 2006 einen Vorteil zu verschaffen.

Mit der Wahl Blatters entschieden sich die Delegierten für die Fortsetzung der Havelange-Politik des ungebremsten Expansionismus und der globalen Vetternwirtschaft. Nur: Blatter war nicht Havelange, sondern nur eine fehlerhafte Kopie seines Ziehvaters. Lediglich in Sachen Eitelkeit wusste Blatter seinen Vorgänger zu übertrumpfen: Blatter kürte sich zum "Premierminister des größten Landes der Welt". Schnell machten Witze die Runde. Etwa: "Was ist der Unterschied zwischen Gott und Sepp Blatter? Gott hält sich nicht für Blatter." Der umtriebige Blatter nervte schon als Generalsekretär Verbände und Spieler mit unausgegorenen Gedankenspielen und hektischer Betriebsamkeit. Vor der WM 1994 in den USA sorgte Blatter für Schlagzeilen, als er diverse Vorschläge zur Änderung des Regelwerks unterbreitete - Vergrößerung der Tore et cetera -, die nicht nur puristischen Fußballfans den Schweiß auf die Stirn trieben und samt und sonders als abstrus verworfen wurden. Blatters Vorschläge zielten darauf ab, das Spiel für Sponsoren und die nordamerikanische Öffentlichkeit attraktiver zu gestalten. Nach seiner Wahl zum Präsidenten wollte Blatter das WM-Turnier nicht mehr alle vier, sondern alle zwei Jahre austragen lassen und betrieb die Einführung einer Vereins-WM. Diese feierte im Januar 2000 Premiere, doch schon die zweite Auflage musste abgesagt werden. In die Vorbereitungsphase war der für Blatter peinliche Konkurs des Partners ISL gefallen.

Blatters jüngere Gedankenspiele waren Ausdruck der Konkurrenz zwischen Fifa und Uefa. Die Uefa hatte mit der Champions League ein global vermarktbares Produkt kreiert. Ähnlich der englischen FA mit ihrer Premier League war es der Uefa gelungen, ein Ausscheren der Klubs dadurch zu verhindern, dass man bei deren Europaligagelüsten selbst die Initiative übernahm. Die Fifa litt unter dem mit der Champions League verbundenen Bedeutungszuwachs der europäischen Topklubs. Sie sah die offizielle Hierarchie im Weltfußball und damit auch die Bedeutung der Fifa-Wettbewerbe gefährdet. Der Zwei-Jahres-Rhythmus bei der Weltmeisterschaft und die neue Vereins-WM sollten Blatters ins Rutschen geratene Hegemonie über die Organisation und Struktur des Weltfußballs absichern. Vergeblich.

Vereins-WM und ISL-Pleite waren nicht Blatters einzige Niederlagen: Wäre es nach Blatter gegangen, würde die WM 2006 mit Südafrika erstmals in einem afrikanischen Land stattfinden. Das hatte er den Afrikanern auch so versprochen. Dass Deutschland Ausrichter wurde, war für ihn ein Schlag ins Gesicht. Mit Blatters zur Schau gestellter Allmacht war es offenkundig nicht weit her. In Asien nahm man dem Fifa-Boss übel, dass er dem Kontinent, auf dem mehr Menschen kicken als in jeder anderen Fifa-Region, beim Fifa-Kongress 1999 in Los Angeles einen fünften Starterplatz für die WM-Endrunde 2002 verweigerte. Und in Afrika weiß man heute, dass der Fifa-Boss längst nicht alles halten kann, was er eigenmächtig verspricht. Kein Wunder also, dass nun die ersten Afrikaner zu den Korruptionsvorwürfen auspacken. Blatter reagiert in bewährter Manier: Vor dem Start des Afrika-Cups in Mali sprach sich der Fifa-Chef vor der Vollversammlung des afrikanischen Verbandes für Afrika als Veranstalter der Weltmeisterschaft 2010 aus. Den Endrundenteilnehmern in Japan und Südkorea winkt Blatter mit Prämien in Höhe von 135 Millionen Euro, 51 Prozent mehr als 1998 in Frankreich. Den Asiaten versprach Blatter vor ein paar Wochen beim Golf-Cup, sie dürften die WM 2006 wie die Afrikaner mit fünf Teams bestreiten. So will es der saudi-arabische Verbandspräsident Sultan Ben Fahd gehört haben.

Seit seinem Amtsantritt hat sich der von seinen Kritikern als "Linkmichel" und "Chamäleon" charakterisierte Schweizer mit seinen Alleingängen nicht eingehaltenen Versprechungen und einem äußerst dubiosen Geschäftsgebaren erst Freunde und dann Feinde gemacht. Autorität und Glaubwürdigkeit haben stark gelitten - es scheint, als habe Blatter überdreht. Wenn der Fifa-Boss der Öffentlichkeit mitteilen lässt, er habe erst kürzlich mit Franz Beckenbauer diniert und vom DFB einen "schönen Brief" erhalten, in dem dieser ihm für Seoul seine Unterstützung zugesagt habe, wirkt dies nicht unbedingt wie ein Zeichen von Stärke. Bekanntlich weiß kaum einer so gekonnt sein Fähnchen nach dem Winde zu richten wie der deutsche Fußball-Kaiser.

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