Sport : Der schwere Weg zurück auf den Gipfel

Timo Boll kämpft mit den Erwartungen, die er als Nummer eins der Tischtennis-Welt geweckt hat

Friedhard Teuffel[Leipzig]

Auf der anderen Seite der Welt ist das Tischtennisleben für Timo Boll manchmal auch nach einer Niederlage ein Fest. Das hat er vor zwei Wochen wieder erlebt, beim World Cup in der chinesischen Stadt Hangzhou. Boll war im Viertelfinale ausgeschieden, es war eines der bittersten Spiele überhaupt für ihn. Gegen den Weltranglistendritten Ma Lin verlor Boll einen Satz 1:11 und den letzten sogar 0:11. „So klar habe ich noch nie in meiner Karriere verloren“, sagte er. Dennoch sollte er einen Tag später ein Denkmal in Hangzhou einweihen, das an die Veranstaltung und ihre prominenten Teilnehmer erinnert. Als Boll zusammen mit ein paar Kollegen am Denkmal eintraf, hatten sich schon 4000 Fans versammelt. Boll kam sich vor wie ein Fußballstar.

Im Tischtennisland China muss sich Timo Boll keine Anerkennung mehr erarbeiten. In Deutschland dagegen sucht Boll gerade neue sportliche Bestätigung. Dafür ist er an diesem Wochenende auch nach Leipzig zu den German Open gekommen. Ein wichtiger Titel im eigenen Land täte ihm gut. Im Achtelfinale bezwang er gestern vor 3000 Zuschauern in der Arena den für Bulgarien spielenden Chinesen Feng Zhe mit 4:1-Sätzen, und durch einen 4:1-Erfolg im Anschluss gegen den Belgier Jean-Michel Saive erreichte er als einziger deutscher Teilnehmer das Einzel-Halbfinale an diesem Sonntag. Vor allem gegen Saive hat Boll gezeigt, was in seinem Spiel wichtig ist: Entschied sich Boll gerade mit der Rückhand für einen mutigen Topspin, machte er meistens den Punkt. Spielte er dagegen einen passiven Block, verlor er den Ballwechsel.

Nach vielen medizinischen Behandlungen, unter anderem bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, ist Boll auch endlich von seinen Rückenschmerzen befreit, die ihn monatelang in Training und Wettkampf behindert hatten. Außerdem ist er gerade dabei, seine Athletik und Ausdauer zu verbessern. Vor allem die Chinesen sind schließlich oft schneller, und sie haben eine bessere Kondition.

Es ist nicht so, dass der 23 Jahre alte Hesse in den vergangenen beiden Jahren keine Fortschritte gemacht hätte. Doch er hat mit seinen Erfolgen und seiner modernen Spielweise Erwartungen geweckt, die er immer wieder aufs Neue erfüllen muss. Zwei Jahre ist es jetzt her, dass Boll den Gipfel der Weltrangliste erklommen hat. Das hatte vor ihm noch kein Deutscher geschafft. Er war Europameister geworden und hatte den World Cup gewonnen, gegen die mächtigen Chinesen in ihrem eigenen Land. Aber so ging es nicht weiter. Bei der Weltmeisterschaft 2003 in Paris schied Boll schon in der zweiten Runde gegen den gerade 18 Jahre alten Chinesen Qiu Yike aus. Qiu Yike gehörte nicht zu den besten Chinesen, er sollte erst aufgebaut werden für die Olympischen Spiele 2008 in Peking.

Der Sieg des jungen Chinesen war auch das Ergebnis intensiver Studien. Seit Timo Boll in die Weltspitze aufgerückt ist, haben die Chinesen ihn beobachtet und sogar Spieler seinen Stil kopieren lassen. Eine Antwort auf diesen Angriff hat Timo Boll noch nicht gegeben. In Hangzhou konnte er über seine Gegner nur noch staunen: „Tischtennis auf diesem Niveau habe ich noch nie gesehen.“ In der Weltrangliste steht Boll zurzeit auf dem neunten Platz.

In diesem Jahr hatte Boll sich ganz auf Olympia konzentriert. Er scheiterte im Viertelfinale am Tischtennis-Genie Waldner. Der Schwede schien noch einmal an seine glorreiche Zeit anzuknüpfen. Immerhin hat Timo Boll im Oktober wieder ein Pro-Tour-Turnier gewonnen, die Polish Open in Warschau. Chinesen waren allerdings nicht dabei. In Leipzig bietet sich ihm dafür heute eine gute Gelegenheit: Im Halbfinale trifft er auf Qiu Yike.

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