Sport : Der schwerste Sieg

Herthas Christian Müller schöpft Hoffnung nach langer Leidensgeschichte

Michael Rosentritt

Der Professor sticht mit einer Nadel in den Fuß. Der Patient spürt nichts. Sein Herz rast. Wenigstens einen Piekser sollte er spüren? Nein, nichts, gar nichts. Die wildesten Gedanken schießen durch seinen Kopf. Jetzt ist alles aus. Die Karriere als Profifußballer, die Tore, die er noch nicht geschossen hat, der Ruhm, die Popularität, das viele Geld. Alles futsch. In wenigen Sekunden bricht ein ganzes Leben zusammen. Nein, seine Zehen könne er auch nicht bewegen. Dann schlägt der Arzt die Bettdecke zurück und fragt den Patienten mit großen Augen, wann er das letzte Mal gegessen habe. Antwort: Ich wollte gerade etwas essen. „Nein, sofort zurück in den OP-Saal.“ Dann schließt Christian Müller seine Augen.

Christian Müller ist Fußballprofi von Hertha BSC und gerade mal 21 Jahre alt. Hinter ihm liegt ausreichend Bekanntschaft mit der Schattenseite, der dunklen Seite. Genau heute vor einem Jahr, es ist ein Spiel der deutschen U-21-Auswahl gegen Polen in Cottbus, prallt Müller mit seinem Gegenspieler zusammen. Der Pole wird hinterher in der Kabine weinen; Müller aber zertrümmert es das Schien- und Wadenbein. „19 Uhr 49 und 30 Sekunden“, sagt Müller beiläufig. Er leiert die Zahlenkolonne monoton herunter. Der Zeitpunkt des Unglücks wird sich in sein Gedächtnis einbrennen. Das Spiel hatte um 19 Uhr 45 begonnen. Viereinhalb Minuten später geht Müllers Karriere zu Bruch.

„Das Problem war, dass ich nicht sofort ohnmächtig wurde. Ich habe alles live miterlebt“, sagt Müller. Er sieht, wie sein rechter Unterschenkel 90 Grad abgewinkelt liegt. Was er im ersten Moment gedacht hat? „Ich konnte nicht denken, das kam später.“ Noch am Abend wird Müller mit dem Hubschrauber nach Berlin geflogen und operiert. Es beginnt die Zeit der Leiden. Beinahe zwölf Monate lang.

Seinem Gegenspieler ist er nicht böse. „Es ist halt passiert“, sagt Müller, „Unfälle passieren im Spiel.“ Heute trägt er einen 30 Zentimeter langen Marknagel in seinem Schienbein und zwei Schrauben unterhalb des Kniegelenks. Sein Wadenbein ist an einer Platte mit fünf Schrauben fixiert. „Eine spüre ich, wenn ich mit der Hand rüberfahre.“ Er grinst und erzählt, was er antwortet, wenn er nach seinem Hobby gefragt wird. „Ich sammle Narkosen wie andere Bungeesprünge.“

Christian Müller ist in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen, Höhe Hallesches Tor. Er hat einen Traum, den vom Fußballprofi. Er spielt ein paar Jahre bei Tasmania Gropiusstadt, dann holt ihn Hertha. Er spielt bei den Amateuren in der Oberliga, steigt auf in die Regionalliga und wird schließlich von Falko Götz „zu den Profis hochgezogen“. In neun Bundesligaspielen erzielt er zwei Tore, die Presse sieht den kommenden Star, bei Hertha liegen sie sich in den Armen. Dann kommt die Nacht von Cottbus.

Nach der ersten OP treten massive Komplikationen auf. Seine Wade ist drei Mal so dick wie normal. Sein Fuß ist taub. Der zweite Eingriff wird eine Not-OP. „Kompartment-Syndrom, Blutstau.“ Knieabwärts droht eine Amputation. Müller blickt an der Tischplatte vorbei hinunter auf seinen rechten Fuß. „Professor Hertel hat mir mein Bein gerettet“, sagt Müller.

Schon als A-Jugendlicher muss er fünf OPs über sich ergehen lassen. Die Achillessehne ist von Bakterien zerfressen und muss um ein Drittel gekürzt werden. Seine Karriere hängt am Faden, ohne dass sie richtig begonnen hat. Heute ist die Achillessehne zwei Drittel lang. Und alles im rechten Bein, seinem Spiel-, Schuss- und Fummelbein. Sieben riesige Narben sind zu sehen. Nicht schön, aber Scham, das Bein zu zeigen? Nein, im Türkeiurlaub findet er es „cool“, weil er ständig darauf angesprochen wird. Einmal erlaubt er sich einen Joke. „Ich habe gesagt, dass ich beim Surfen von einem Hai angegriffen wurde.“ Später klärt er die Sache auf. „Damit macht man ja keine Scherze.“

Erst sind es die Tage im Krankenhaus, die ihn mürbe machen, später kommen Rückschläge. Die Knochen wachsen nicht so zusammen, wie sie sollen. Müller gerät ins Trudeln. „Ich habe ein paar Mal über die Stränge geschlagen.“ Er geht aus, hängt in Diskos rum, kommt spät nach Hause. „Ich habe geglaubt, so den Frust bewältigen zu können.“ Herthas Manager Hoeneß und Trainer Götz reden auf ihn ein. Als Müller zu fallen droht, fängt ihn sein Berater Jörg Neubauer auf. Müller erzählt das leise, es ist ihm peinlich, er schämt sich dafür. In den Gesprächen fällt ein Satz, den er Tage in seinem Kopf behält: „Du hast zwar neun Bundesligaspiele und zwei Tore gemacht, aber eigentlich hast du nichts erreicht.“

Das treibt Müller an. Er kriegt die Kurve, die Heilung schreitet voran, „ich habe wieder Licht gesehen“. Im Sommer ist Müller schmerzfrei, er geht in die Saisonvorbereitung. Nach zwei Tagen geht nichts mehr. Müller reist nach München zu Müller-Wohlfahrt, dem Arzt des FC Bayern. Dieser überweist ihn schließlich zu Professor Seebauer, der in München ein Stück von Müllers Hüftknochen ins Wadenbein einsetzt – der Durchbruch.

Seit drei Wochen trainiert Christian Müller wieder, zum Teil mit der Mannschaft, zum Teil parallel. Spielformen und Zweikämpfe gehen noch nicht. „Der Junge hat Charakter“, sagt der Trainer, „und Herz.“ In seinen Tagträumen sieht Müller sich auf dem Rasen des Olympiastadions. Er sieht sich im Kreis seiner Mitspieler und die gemeinsame Freude, gewonnen zu haben. Der junge Mann müsse gebremst werde. „Ich rechne mit ihm zur Rückrunde“, sagt Götz. „Ich auch, und ich will zurück in die U-21-Auswahl“, sagt Müller. „Ich bin jetzt da, wo ich sein sollte. Ich will mich anbieten, zeigen“, sagt Müller: „Ich werde wiederkommen.“

In den vergangenen zwölf Monaten hat Müller den Führerschein gemacht, seine Freundin kennen gelernt, eine neue Wohnung bezogen. Er ist gut aufgestellt, findet Müller: „Ich kann jedem jungen Spieler, der eine solche Verletzung hat, nur raten, positiv zu denken. Man kommt wieder dahin zurück, wo man war.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar