Sport : Der Seiltänzer

Erinnerungen an einen Sommer, in dem Erik Zabel eine Woche lang unter dem Einfluss von Epo fuhr

Sven Goldmann

„Mein Sohn …“

Zwölf Sekunden Pause.

„Mein Sohn fährt selber Rad.“ – „Es ist einfach so, dass, wenn ich von ihm erwarte, dass er ein guter Mensch wird, dass er ehrlich und geradeaus ist im Leben, dass er fair seinen Sport betreibt…“

Neun Sekunden Pause.

„… dann kann ich ihn halt nicht weiter anlügen.“

Mit Tränen in den Augen hat Erik Zabel am Donnerstag die ganze Welt um Verzeihung gebeten, vor allem aber seinen Sohn. Dieses Teufelszeug Epo! Wenn man der „Bild“-Zeitung glauben darf, hat Rik Zabel dem Vater verziehen. Wahrscheinlich hat der 14-Jährige nicht im Archiv geblättert und gelesen, was der Papa damals alles so erzählt hat. Bei der Tour de France 1996, als der Radprofi Erik Zabel unter den Einfluss von Epo fuhr. Nachdem er am 2. Juli in Nogent-sur-Oise die dritte Etappe im Spurt gewonnen hatte, berichtete der Sportinformationsdienst, wem Erik Zabel diesen Erfolg gewidmet habe: seinem Sohn Rik.

Vieles, was in diesem Juli 1996 gesagt wurde, klingt heute unfreiwillig prophetisch. „In unserem Metier muss man das Risiko eingehen“, erzählte Zabel nach seinem ersten Etappensieg. Er meinte nicht die täglichen Injektionen, sondern den halsbrecherischen Sprint, als er mit 70 Stundenkilometern die Absperrgitter touchierte. Das Tour-Organ „L’Equipe“ nannte ihn „Erik, der Seiltänzer“. Doping? „Wenn man gut ist, geht es auch alleine.“ Das sollte wohl heißen, die Unterstützung seiner Teamkollegen sei von untergeordneter Bedeutung.

Zabel hat in seiner Beichte offen gelassen, ob er sich das Epo selbst gespritzt hat oder ob ihm Jef d’Hont zur Seite stand, der belgische Pfleger des Team Telekom. Zabel sagt, er habe das Experiment von sich aus abgebrochen. „Das war ein Test, das war einmalig, und ich habe am Ende der ersten Tour-Woche diesen Test beendet.“

Die Tour hatte für ihn schlecht begonnen. Zabel klagte über schwere Beine, heute weiß man, dass er nicht die Nebenwirkungen dessen vertrug, was er im Rückblick als „Kur“ bezeichnet. Die deutschen Zeitungen gingen gnädig mit ihm um. Sie interessierten sich noch nicht für die Tour, weil die Fußball-Nationalmannschaft in London gerade Europameister geworden war.

Das Interesse wuchs mit Zabels Erfolgen. Er war der Mann der frühen Tour-Tage, bevor die Koryphäen Jan Ullrich und Bjarne Riis in den Alpen und Pyrenäen dem Ruhm entgegen kletterten. Am 9. Juli gewann er im Spurt die zehnte Etappe vor dem Usbeken Dschamolidin Abduschaparow, der ein Jahr später wegen Dopings aus dem Verkehr gezogen wurde. Als Zabel in Gap über die Ziellinie rollte, war erstmals das Grüne Trikot erobert. Glaubt man seinem Geständnis, dann hatte er das Epo zu diesem Zeitpunkt schon abgesetzt.

Es waren großartige Tage für das Team Telekom, das in den vergangenen Jahren immer hinterher gefahren war. Riis holte das gelbe, Zabel das Grüne Trikot, dazu gewannen die Bonner die Mannschaftswertung. Zwischendurch titelte „L’Equipe“: „Die Telekom-Razzia geht weiter.“ Bis zum Ende, von dem im Sommer 1996 noch keiner ahnte, das es ein bitteres sein würde.

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