Sport : Der selbstbewusste Aufsteiger

Wie sich Jens Lehmann nach Rückschlägen durchgesetzt hat

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Am 21. Mai des vergangenen Jahres traf Arsenal im englischen Pokalfinale auf Manchester United. Die Londoner waren klar schlechter, sie hätten verlieren müssen. Doch sie gewannen, im Elfmeterschießen, dank Jens Lehmann. Der deutsche Torwart hatte sein Team mit vielen spektakulären Paraden 120 Minuten lang vor einem Rückstand bewahrt und danach Paul Scholes’ Elfmeter gehalten. „Lehmann hat uns die Sache leicht gemacht“, lobte Kapitän Patrick Vieira. Nach seinem heldenhaften Spiel wurde er sogar mit Bert Trautmann verglichen, dem Torwart von Manchester City, der 1956 mit gebrochenem Halswirbel den Pokal holte. Lehmann blieb jedoch nüchtern: „Ich fühle mich nicht als Held, ich gehe immer davon aus, dass ich beim Elfmeterschießen einen halte.“

Jens Lehmann ist ein durch und durch positiv denkender Mensch. Ob er jedoch schon vor knapp einem Jahr davon ausgegangen ist, dass er Oliver Kahn aus dem Tor der deutschen Nationalmannschaft verdrängen würde, ist zumindest fraglich. Erst in den vergangenen Wochen hat sich angedeutet, dass er eine reelle Chance besitzen würde. Wer die Gründe dafür sucht, muss in Cardiff anfangen.

Es war nicht nur sein bis dahin bestes Spiel für die Londoner, sondern der große Wendepunkt – Lehmann gewann Arsène Wengers Vertrauen zurück. Erst im Januar war er auf die Bank gesetzt worden, weil er nur noch durchschnittlich hielt. Nach seinen groben Patzern gegen Chelsea in der Champions League hatte Lehmann zunehmend vorsichtig agiert, er blieb öfters auf der Linie, Arsenal kam gerade bei Flanken und Ecken stärker unter Druck. Eine einflussreiche Spielergruppe überzeugte Wenger im Winter, es mit dem Spanier Manuel Almunia zu versuchen. Doch Almunia kam mit dem Druck nicht zurecht. Lehmann durfte wieder ins Tor, es schien nur eine Übergangslösung zu sein. Die englischen Zeitungen nannten jede Woche neue Torhüter, auf die Wenger ein Auge geworfen haben sollte. Als der Trainer aber in Cardiff gefragt wurde, ob Lehmann auch in der nächsten Saison die Nummer eins sein würde, sagte Wenger: „Wenn er so hält, auf jeden Fall.“

Und er hat so gehalten. Mit jedem Spiel wurde Wenger in seinem Festhalten an Lehmann mehr bestätigt. Die Arsenal- Fans, die ihm anfangs eher reserviert gegenüber standen, feiern ihn nun als eigensinnigen Kultheld, und im Spiel beim FC Liverpool im Februar widerlegte der 36- Jährige seine Kritiker: Lehmann hielt eine ganze Reihe so genannter Unhaltbarer und wurde erst in der 87. Minute von Luis Garcia überwunden. Vier Zu-Null-Spiele gegen Real Madrid und Juventus Turin folgten, seine Leistung überzeugte auch die deutsche Fußballöffentlichkeit.

Lehmann hat davon profitiert, dass er in England Woche für Woche gegen die besten Spieler der Welt antritt; zudem ist er mit Arsenal noch in der Champions League vertreten. „Ich glaube, ich habe in den letzten Wochen ganz gut gehalten“, sagte Jens Lehmann nach dem Länderspiel gegen die USA. Es war eine überraschende Äußerung. Nicht Lehmann hatte im Tor gestanden, sondern Kahn.

Bei ihren öffentlichen Auftritten versuchten beide Torhüter, für sich zu werben, ohne den jeweils anderen zu kritisieren. Lehmann hat sich nicht immer daran gehalten. Einmal hat er sein Unverständnis über das Leben seines Konkurrenten kundgetan. Obwohl Kahn nur ein halbes Jahr älter ist, haben beide nie einen richtigen Draht zueinander gefunden. 1998 bei der WM saßen sie hinter dem heutigen Torwarttrainer Andreas Köpke auf der Bank, seitdem ist Kahn bei allen Turnieren die Nummer eins gewesen, Lehmann sein Stellvertreter. Riesige Leistungsunterschiede hat es nie gegeben. Oder wie Joachim Löw, Klinsmanns Assistent, einmal über den Torwartstreit gesagt hat: „Dieses Problem würden wir uns auf anderen Positionen auch wünschen.“

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