Sport : Der sensible Boxer

Thomas Ulrich kämpft heute um den WM-Titel

Hartmut Scherzer

Düsseldorf - Der Berliner Boxer, 19 Jahre alt und noch Amateur, galt als hochtalentiert. Also stellten die Medien schon mal vorsorglich die Frage: Thomas Ulrich – ein neuer Henry Maske? Das ist gut zehn Jahre her. Mittlerweile ist Thomas Ulrich 30, ein erfolgreicher Profi, er gewann den EM-Titel und steht in sämtlichen Weltranglisten vorn. An diesem Samstag kämpft er in Düsseldorf um die Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht (WBC) gegen den unbesiegten polnischen Titelverteidiger Tomasz Adamek (23 Uhr, live im ZDF).

Doch kein Hype ist ausgebrochen wie etwa zuletzt bei Luan Krasniqi. Ulrich ist noch kein TV-Star, geschweige denn ein zweiter Henry Maske. Die fehlende Aufmerksamkeit hat mit seinem verschlossenen, eigenwilligen Charakter zu tun. Ulrich über sich: „Ich bin ein zurückhaltender, in mancher Hinsicht schwieriger Mensch, der schnell eingeschnappt ist.“ Der launische Boxer wechselt die Trainer so häufig wie der 1. FC Kaiserslautern. Seit neuestem kümmert sich „Herr Timm“, wie er sich ausdrückt, um ihn. Aber nicht im Hamburger Universum-Gym, wo Michael Timm angestellt ist. Dort ist es dem Eigenbrötler Ulrich zu voll und zu laut. Der Berliner bezog sein eigenes Trainingscamp in einem Wellness-Hotel in Reinbek bei Hamburg, wo eigens für ihn ein riesiges Zelt als Boxhalle aufgestellt wurde.

Es hat nicht an Strategien gefehlt, Thomas Ulrich zum neuen Box-Helden deutscher Herkunft hochzupuschen. Selbst Graciano Rocchigiani wurde nach 27 Monaten Kampfpause und mit 39 Jahren noch einmal mit 1,5 Millionen Euro zur Schubhilfe reaktiviert. Ulrich schonte sein Idol, stellte den „Oldie“ bei seinem überlegenen Punktsieg gewissermaßen unter Denkmalschutz.

Ulrich, Sohn eines Fernfahrers, gilt als sensibel, aber auch als stur. Seine Launen machen ihn unberechenbar. Wiederholt sagte er kurzfristig Kämpfe ab und tauchte unter. Mal hatte der Gegner keine Bescheinigung für einen Aids-Test, mal passte ihm der kurzfristige Gegnerwechsel nicht, dann waren wieder „psychische Probleme“ oder Zahnschmerzen der Grund. Nach seinem spektakulären K.-o.-Sieg gegen Silvio Branco im Kampf um den EM-Titel im Juli 2004 schien der Durchbruch zur Fernsehattraktion endlich gelungen. Doch wegen einer Erkältung, die er nicht in den zehn verbleibenden Tagen auskurieren könne, ließ er einen kompletten ZDF-Boxabend platzen. Seit dem Erfolg gegen Branco vor 15 Monaten hatte er nur einen Auftritt im Ring.

Erst unter Fritz Sdunek hatte seine Karriere richtig begonnen. Doch auch der Meistertrainer kam mit ihm nicht klar. „Ich glaube, auch ein Psychologe kommt nicht in ihn rein“, sagte Sdunek. „Was im Kopf des eigenwilligen Jungen vorgeht, versteht kaum einer“, schrieb das Fachblatt „Boxsport“. In 29 Kämpfen erlitt Ulrich nur eine Niederlage. Doch selbst dieser K.o. 2001 in Berlin gegen Glencoff Johnson ist kein dunkler Fleck mehr, seit der Jamaikaner auch Superstar Roy Jones k.o. schlug.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben