Sport : Der Serienflieger

Nach seinem Auftaktsieg ist Vorjahresgewinner Janne Ahonen wieder Favorit bei der Vierschanzentournee

Benedikt Voigt[Oberstdorf]

Janne Ahonen trägt neuerdings Zopf. Das ist besonders gut zu sehen, wenn nach der Landung das kleine Haarbüschel unter seinem Helm im Fahrtwind flattert. Ansonsten aber hat sich bei dem finnischen Skispringer nicht viel verändert. Immer noch zieht der Finne die Mundwinkel nach unten, sodass sein Gemütszustand nur schwer zu erkennen ist. Immer noch lacht er selten. Und immer noch kann er auch seiner Konkurrenz davonfliegen.

Janne Ahonen hat gestern mit Sprüngen auf 130 und 130,5 Meter das Auftaktspringen der Vierschanzentournee gewonnen. „Das war heute perfekt“, sagte Ahonen nach seinem ersten Weltcupsieg in dieser Saison, „jetzt wird es für mich leichter weiterzumachen.“ Auch im vergangenen Jahr hatte er zunächst in Oberstdorf triumphiert, am Ende hatte er die Vierschanzentournee souverän gewonnen. Nun ist der schweigsame Familienvater erneut großer Favorit auf den Gesamtsieg. Es wäre bereits sein vierter Erfolg bei der Vierschanzentournee. In der Geschichte dieser Springertournee durch Deutschland und Österreich ist das bisher lediglich Jens Weißflog gelungen, der zweimal für die DDR und zweimal für das wiedervereinigte Deutschland siegte. Wem, wenn nicht Janne Ahonen, ist dieselbe Leistung zuzutrauen?

Der Zweite von Oberstdorf, der Norweger Roar Ljökelsoy, und vor allem der Dritte Jakub Janda werden allerdings bis zum 6. Januar 2006 versuchen, diesen historischen Erfolg zu verhindern. Dem Tschechen Janda, der gegenwärtig auch im Gesamtweltcup führt, gelang im zweiten Durchgang der zweitweiteste Satz des Tages: 133,5 Meter. Einen Sieg hatte er bereits im ersten Durchgang mit einem Sprung auf 123,5 Meter verschenkt. „Wenn ich nur halb so gute Bedingungen wie Janne Ahonen gehabt hätte, wäre ich weiter geflogen“, sagte Janda. Den deutschen Springern erging es ähnlich.

„Nach dem ersten Durchgang waren wir schon zu weit weg“, sagte der deutsche Bundestrainer Peter Rohwein. Er konnte am Ende einen siebten Platz von Georg Späth, einen neunten von Michael Uhrmann und einen zwölften von Alexander Herr registrieren. „Mannschaftlich ist das ein gutes Ergebnis, auch wenn die Platzierung vorne fehlt“, sagte Rohwein. Für die ist in dieser Saison eigentlich Michael Uhrmann zuständig. Zweimal ist er im Weltcup bereits auf den zweiten Platz gesprungen. Doch diesmal enttäuschte er mit Sprüngen auf 120,5 und 127,5 Meter die höchsten Erwartungen. „Michael war vielleicht nicht so gelöst wie im Training“, sagte der Bundestrainer.

Die Favoritenbürde hat Uhrmann offenbar frühzeitig zu Boden gedrückt. „Ich habe bei den vorderen Platzierungen gefehlt“, sagte der 27-Jährige. „Beim zweiten Sprung war ich ein bisschen zu verkrampft, weil der Rückstand bereits zu groß war“, sagte er. Mit 26,5 Punkten Rückstand auf Ahonen sind seine Chancen auf einen Gesamtsieg bereits ein gutes Stück gesunken. „Ich will mich jetzt weiter nach vorne arbeiten, ob ich ein Springen oder die Tournee gewinnen kann, werden wir sehen“, sagte Michael Uhrmann. Bis zum nächsten Springen in Garmisch-Partenkirchen muss er seine diesjährige Dauerplatzierung als bester deutscher Springer an Georg Späth abtreten.

Auf seiner Heimschanze hatte sich der Oberstdorfer im zweiten Durchgang noch um zwei Plätze verbessern können. „Es wäre zwar mehr drin gewesen, aber ich bin einigermaßen zufrieden“, sagte der 24-Jährige nach Sprüngen auf 119,5 und 129 Meter. Im ersten Durchgang hatte er bereits die Chance auf eine bessere Platzierung vergeben. „Das war ein Gewaltsprung.“ Alexander Herr schaffte mit Platz zwölf immerhin die Olympiaqualifikation, Michael Neumayer auf Rang 21 und Martin Schmitt auf Rang 24 komplettierten das deutsche Gesamtergebnis. Im ersten Durchgang hatte Schmitt lange zittern müssen, ehe er als einer der fünf besten Verlierer des K.o-Springens noch in das Finale der besten 30 einziehen konnte.

Es war nicht das spannendste Springen, das bei Temperaturen von minus zehn Grad geboten wurde. Manch einem unter den 23 000 Zuschauern in der Allgäu-Arena kam das Ergebnis sogar bekannt vor. Bei der Nordischen Ski-WM im Februar hatte es auf der Großschanze die gleiche Reihenfolge gegeben: Ahonen vor Ljökelsoy und Janda. Womöglich gibt es beim zweiten Springen am Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen mehr Abwechslung. Allerdings hat dort im vergangenen Jahr Janne Ahonen gewonnen.

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