Sport : Der Sieg, der von der Bank kam

Wie die eingewechselten Ricken und Ewerthon Dortmund zum 4:1 in Bremen schossen

Felix Meininghaus

Bremen. Frank Verlaat ist seit Ewigkeiten im Fußballgeschäft, der 34-Jährige hat die Strafräume diverser Spitzenklubs in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland sauber gehalten. Und doch hat der Holländer nach dem 1:4 (1:1) seiner Bremer im Heimspiel gegen Borussia Dortmund beschwörend die Hände gehoben und mit verzweifeltem Blick in den grauen Himmel über dem Weserstadion geschaut. Verlaat hat gehadert mit sich und seinen Mitspielern und beklagt, „wie furchtbar naiv wir uns angestellt haben“. Tatsächlich hatten sich die Bremer in der Schlussphase klassisch auskontern lassen. Am Ende verloren sie in einer Deutlichkeit, auf die nach 70 Minuten Spielzeit nichts hingewiesen hatte. Zu diesem Zeitpunkt stand es 1:1, und Werder bestimmte das Spielgeschehen derart deutlich, dass die Führung nur eine Frage der Zeit zu sein schien.

Aufgrund des Durchhängers grantelte Dortmunds Trainer Matthias Sammer nach dem Schlusspfiff in seiner typischen Art. Vor dem 2:1 habe sein Team „viel zu wenig getan, da musst du den ein oder anderen Nadelstich setzen“. Auch Kapitän Stefan Reuter bemerkte, „wie wir uns haben hinten reindrängen lassen. Da hätte das Spiel kippen können.“ Am Ende ist es ganz anders gekommen, weil sich Sammer im Gegensatz zu seinem Kollegen Thomas Schaaf den Luxus erlauben kann, in der Schlussphase zwei hochkarätige Akteure ins Geschehen zu schicken: So brachte er nach 70 Spielminuten Lars Ricken für den ausgepumpten Tomas Rosicky und drei Minuten später Enrique Ewerthon für den lustlosen Torjäger Marcio Amoroso.

Nach Spielschluss ist Sammer gefragt worden, wie sich einer fühle, der so ein glückliches Händchen beim Auswechseln hat: „Wissen Sie“, hat Sammer gesagt, „damit hatte ich gar nichts zu tun, das war allein das Verdienst der Spieler.“ Ricken und Ewerthon hatten sich dieses Lob redlich verdient, schließlich hatten sie maßgeblich dazu beigetragen, die Partie für den Meister zu entscheiden: Ricken bereitete die Treffer zwei und drei durch Dede und Ewerthon vor, und eben dieser Ewerthon krönte seinen grandiosen Kurzeinsatz mit einem weiteren Tor, dem schönsten des Tages. Dass so bemerkenswerte Taten durch die zwei Matchwinner im Bereich des Möglichen lägen, hatte Sammer bereits am Vormittag erhofft, als er Ricken und Ewerthon zunächst den Platz auf der Bank zugewiesen hatte. Beide seien „von den Augen her sehr, sehr wach“ gewesen, „ich hatte sofort das Gefühl: Von denen kann noch was kommen“. Eine solche Reaktion sei keine Selbstverständlichkeit, „ihr professionelles Verhalten hat mich sehr gefreut“.

Die Perspektiven für den Meister sind durch den höchsten Saisonsieg und den gleichzeitigen Patzer der Bayern nun sehr viel besser geworden. Nach zwei mageren Unentschieden gegen Bielefeld und in der Champions League habe die Mannschaft die richtige Reaktion gezeigt, bemerkte Ricken mit sichtbarer Genugtuung: „Einige hatten doch schon wieder die Messer gewetzt.“ Die Waffen können zumindest bis zur nächsten Bewährungsprobe am Mittwoch gegen Arsenal in der Schublade verstaut werden. „Wir sind eindrucksvoll zurückgekehrt“, sagte Sammer, der sich nun weitere Großtaten erhofft. „Ich hoffe, dass wir diese Galligkeit bis zum Spiel gegen Arsenal rüberretten.“

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