Sport : Der Sieg des Kollektivs

Litauen gewinnt Basketball-EM – mit Teamgeist und ohne Stars

Benedikt Voigt

Stockholm. Manchmal macht Larry Bird den Eindruck, als würde er bei der Basketball-Europameisterschaft in Stockholm gleich einschlafen. Dann lehnt sich der 47-Jährige in der Box der nordamerikanischen Profiliga NBA nach vorne, reibt sich die Augen und blickt überall hin, nur nicht auf das Spielfeld. Wahrscheinlich hat der General Manager der Indiana Pacers schon genug gesehen. „Ich bin hier, um Spieler zu beobachten und zu scouten und um etwas über europäischen Basketball zu lernen“, hat Bird gesagt. Es ist eine einfache Lektion, die der ehemalige Spieler der Boston Celtics mit nach Hause nimmt: Basketball ist ein Mannschaftssport.

Bei der Europameisterschaft in Schweden sind die Stars entzaubert worden. Litauen und Italien schafften es ohne einen NBA-Spieler unter die besten vier. Das Kollektiv hat die Individualisten bezwungen. „Mit Pau Gasol stand nur ein einziger NBA-Spieler im Finale“, sagt Emir Mutapcic, „das ist gut für den Basketball.“ Der Trainer von Alba Berlin ist kein Freund von individualistischen Leistungen. „Nur ein Team kann gewinnen, nicht eine Person“, sagt Mutapcic. Der neue Europameister Litauen hat das auf beeindruckende Weise gezeigt. Als Team schlugen sie Finale alle NBA-Spieler, die sich ihnen in den Weg stellten. Erst Dirk Nowitzki (Deutschland), Predrag Drobnjak und Marko Jaric (beide Jugoslawien) und im Halbfinale dann Tony Parker, Jerome Moiso, Tariq Abdul-Wahad und Boris Diaw (Frankreich). Im Finale siegten sie dann am Sonntag klar 93:84 (40:31) gegen Spanien – mit Teamgeist. Kein Litauer war unter den besten zehn Scorern der EM.

Zwar war Tony Parker bei Frankreichs Niederlage (70:74) im hochklassigen Halbfinale gegen Litauen mit 24 Punkten erfolgreichster Werfer. Doch dafür musste er die gesamten 40 Spielminuten auf dem Feld stehen. Er traf nur 35 Prozent seiner Würfe. Es war fast bezeichnend, dass der französische Star in den letzten zehn Sekunden den spielentscheidenden Fehler beging. Bei zwei Punkten Rückstand verlor er den Ball, als er über die Mittellinie dribbelte. Effizienter spielten der litauische Aufbauspieler Sarunas Jasikevicius (14 Punkte, 10 Rebounds, 7 Assists). Neben ihm spielen auch seine Kollegen Saulius Stombergas, Ramunas Siskauskas und Arvydas Macijauskas ein gutes Turnier.

Auch Italien überzeugte als Mannschaft. Im Halbfinale gegen Spanien (79:81) hätte der überragende Aufbauspieler Massimo Bulleri (24 Punkte) mit einem Wurf in der Schlusssekunde ausgleichen können. Doch der Ball prallte vom Ring zurück ins Feld. Lange hatte sich Spanien in diesem Spiel auf seinen Star Pau Gasol (14 Punkte) von den Memphis Grizzlies verlassen. Bis dahin lag aber der Gegner vorne. Erst als die Spanier auch andere Ideen entwickelten, konnten sie das Halbfinale noch drehen.

In Schweden hat sich die Entwicklung wieder umgekehrt, die sich noch vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in der Türkei zeigte. Dort waren die aktuellen oder kommenden NBA-Stars Andrej Kirilenko, Dirk Nowitzki oder Pau Gasol die Hauptattraktion. Weil nun im Zeitalter der Personalisierung die Idee eines Kollektivs nicht so attraktiv ist, zog in Schweden Gasol alle Aufmerksamkeit auf sich. Larry Bird hat das auch schon bemerkt. „Jeder fragt mich nach Pau Gasol, der muss ja bei euch Präsident sein.“

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