Sport : Der Sonne entgegen

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Lorenz Maroldt über die Mauer im Kopf von Oliver Kahn

In einer Ode hat der Lyriker Albert Ostermaier einst schwärmerisch beschrieben, wie sein Lieblingstorwart Oliver Kahn, im Sprung einer blonden Katze ähnlich, auf einer Welle der Begeisterung durch die blauen Lüfte fliegt und seinen Teleskoparm ausfährt, so als wolle er die Sonne aus ihrer Laufbahn fausten und – ja und dann? Swutsch, drin ist das Ding. In Hannover hat Kahn beim Freistoß von Bergantin Vinicius offenbar den Ball mit der Sonne verwechselt, denn sonst hätte er ihn eigentlich haben müssen. Zwar ließ Kahn keine Mauer bauen, aber zwischen Ball und Tor lagen beim Abschuss immerhin 35 lange Meter, also doppelte Strafraumdistanz, und Kahn hatte ja bereits vor zwei Jahren erklärt, mit Freistößen außerhalb des Sechzehners sei er unbezwingbar, jedenfalls dann, wenn niemand zwischen ihm und dem Schützen irritierend und Sicht einschränkend herumstehe.

Anlass für diesen selbst für einen Oliver Kahn recht mutigen Satz war ein ganz dummes Tor, das er im Januar 2001 beim Heimspiel der Bayern gegen den damaligen Tabellenletzten VfL Bochum kassiert hatte. Yildiray Bastürk donnerte damals den Ball bei einem Freistoß mitten durch eine Ansammlung von Bayernspielern, die nach einer späteren Aussage von Uli Hoeneß „eine Andy Warhol-Mauer“ gebildet hatten, was darauf schließen lässt, dass der Manager im Besitz bisher unbekannter löchriger Werke des Künstlers sein muss. Kahn selbst hatte nach eigenen Worten eine „poröse Mauer“ angeordnet, um den Schützen besser sehen zu können, und erklärte anschließend, um künftige Schützen noch besser sehen zu können, fürderhin ganz auf nutzlos herumstehende Mauerteile verzichten zu wollen, weil er ja, wie gesagt, mit Freistößen von außerhalb des Strafraums bei freier Sicht unbezwingbar ist, eigentlich.

Und was war das in Hannover? Die Sicht ganz frei, doch ach!, der Schuss recht scharf, das Tor zu groß und Kahn zu klein. Klemmte der Teleskoparm? Oder hat sich da wer an der Sonne verbrannt?

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