• Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde – aus der Erzählung von Friedrich Christian Delius

Sport : Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde – aus der Erzählung von Friedrich Christian Delius

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Der Reporter beschrieb die Szenerie auf dem Spielfeld, wie die Zuschauer, die Fotografen und die Mannschaften reagierten, die Ungarn gefaßt als Verlierer und die Deutschen gefeiert .... unser Stolz, unsere Freude und unsern ganz innigen Dank den elf Spielern im weißen Jersey und den schwarzen Hosen, die jetzt zur Gegentribüne hinüberlaufen und die deutsche Schlachtenkolonie begrüßen ... Mich hielt es nicht mehr auf dem Stuhl, ich wollte meinen Stolz, meine Freude, meinen Dank in die Welt, ins Haus, ins Dorf hinausrufen und konnte mich doch vom Radio nicht trennen, wollte wissen, was weiter dort geschah, wo der Jubel herkam ... die Fahnen schwarz rot gold sind drüben im weiten Rund zu sehen, und auch wir sind ergriffen ... und auch ich war ergriffen, ein Schauer im Rücken ließ den Körper aufzittern, ich wischte die Tränen weg, wollte meine Freude zeigen und wußte nur nicht wem, ich fühlte deutlich, daß es mir für fast zwei Stunden gelungen war, dem sonntäglichen Alarmzustand, dem Vaterkäfig, den unsichtbaren Gottesfallen entronnen zu sein, und wußte, daß diese Ausnahmezeit, in der ich meine Makel vergessen konnte, irgendwann zu Ende ging, ich wollte den paradiesischen Zustand möglichst erhalten, also schnell hinaus zu meinen Freunden und Fußballfreunden laufen, deren Herzen ebenso ergriffen sein mußten wie meins.

Wir wollen auch in diesem Augenblick nicht vergessen, daß es ein Spiel ist, ein Spiel, aber das populärste Spiel, das die Welt kennt ... es war längst kein Spiel mehr, denn ich war, was ich schamhaft und heimlich gewünscht hatte, ich war zum Weltmeister geworden, und das wollte ich mir nicht nehmen lassen durch Beschwichtigungen ... die Spieler gebärden sich, als ob sie ein Schloß gewonnen hätten ... ich hatte mehr gewonnen, mir liefen Tränen, Siegerehrung, eine Greisenstimme sprach im Hintergrund gegen den Jubel, der Reporter redete darüber hinweg ... der stolze Triumph unserer deutschen Weltmeister ... Höhepunkte ... nannte noch einmal die n der Spieler, des Bundestrainers, ich wurde ruhiger ... ich kann mir vorstellen, wie Sie in der Heimat Anteil nehmen werden ... jetzt erfolgt die feierliche Übergabe des Pokals an Fritz Walter, den Kapitän der deutschen Weltmeistermannschaft ... Fritz zeigte den Pokal, den ich nicht sah, die Hymne wurde gespielt, ich hörte Deutschland, Deutschland, über alles, mehr geschrien als gesungen, ich verstand die Worte nicht genau, weil offenbar zwei Fassungen gleichzeitig gesungen wurden, die verbotene erste und die erlaubte dritte Strophe, vor wenigen Tagen erst, vor der Feierstunde zum 17. Juni war uns beigebracht worden, Einigkeit und Recht und Freiheit zu singen und nicht Deutschland, Deutschland, über alles, deutlich verstand ich brüderlich zusammenhält und die miteinander aufsteigenden Stimmen über alles in der Welt, ein dumpfer Jubel in der Wiederholung aus befreiten Kehlen, Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt, ehe der Gesang in wildes, lautes Johlen ausuferte, das nach Ej! oder Ja! oder Heil! klang, und Beifall und Schreie waren noch nicht vorbei, als die andere Reporterstimme, die in der ersten Halbzeit die ersten Sätze gesprochen hatte, erregt und wie in Angst vor einer neuen Jubelwelle rasch die Abschiedsworte sagte … Hier sind alle Sender der Bundesrepublik Deutschland ... Reporter war Herbert Zimmermann. Die Sendung ist beendet. Wir schalten zurück nach Deutschland.

Erschienen bei Rowohlt, ISBN 3498012983

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