Sport : Der Sonntagsschuss: Auf dem Weg nach oben

Christoph Biermann

Zu den in Bundesligastadien besonders häufig angestimmten Sprechchören gehört das beschwörende "Niemals Zweite Liga, niemals, niemals". Ein Klagelied ist das und ein Bannspruch zugleich, mit dem das Schreckliche möglichst noch abgewehrt werden soll. Als minderwertig gilt vielen Fans die Zweite Liga, allein der Name suggeriert schnöde Unterklassigkeit. Nun versprechen Spiele gegen den FC Bayern, Borussia Dortmund oder Leverkusen zweifellos mehr Unterhaltung als gegen Reutlingen oder Ahlen, doch der Fußball in der Zweiten Liga ist besser als sein Ruf.

Da die zweite Spielklasse des deutschen Profifußballs in großem Maße mit Fernsehgeldern alimentiert wird, haben die Klubs zwangsläufig auch ihre Strukturen professionalisieren müssen. Es gibt mehr Einnahmen zu verwalten, und selbst wenn das nicht immer mit allergrößtem Geschick geschieht, wie dieser Tage manch finanzielle Bredouille in Karlsruhe, Frankfurt und anderswo beweist, steht schlicht mehr Geld für bessere Spieler zur Verfügung.

Ein Indikator dafür ist die große Zahl ehemaliger Nationalspieler in der Zweiten Liga. Mehr als 60 sind es. Selbst wenn sie oft für kleinere Fußballnationen wie Australien, Mazedonien oder Venezuela zu internationalen Einsätzen gekommen sind, ist das beachtlich. Mögen die Länderspieleinsätze wie beim Holländer Marc van Hintum von Hannover 96 auch schon etwas zurückliegen, so heben solche Spieler doch die spielerische Qualität. Das gilt auch für Dariusz Wosz vom VfL Bochum, der noch vor einem Jahr zum Kader der deutschen Nationalmannschaft gehörte, für den Albaner Altin Lala aus Hannover, den Polen Pawel Kryszalowicz aus Frankfurt und den Südafrikaner Delron Buckley aus Bochum, die derzeit regelmäßig in ihren Länderteams zum Einsatz kommen.

Erstaunlich war in den letzten Jahren, dass die Klubs der Ersten Liga ihre Verstärkungen selten aus der Zweiten rekrutierten. Gerade mal ein gutes Dutzend Spieler wurden zu Beginn dieser Saison von unten nach oben transferiert. Und nur Hertha BSC für Denis Lapaczinski, der 1. FC Köln für Hanno Balitsch und der FC St. Pauli für Ugur Inceman überwiesen Beträge, die zwischen drei und viereinhalb Millionen Mark lagen. Das dürfte sich in diesem Sommer ändern. Bayer Leverkusen umwirbt den Frankfurter Christoph Preuß und den Karlsruher Clemens Fritz. Fast jeder Bundesligist würde gerne Jan Simak von Hannover 96 verpflichten. Begehrt sind auch Manuel Friedrich aus Mainz oder die Bochumer Freier und Buckley. Die Wechsel von Selim Teber aus Mannheim nach Kaiserslautern und von Arne Friedrich aus Bielefeld zu Hertha BSC stehen sowieso schon fest.

Allein das Personal ist also besser als sein Ruf, und das gilt auch für die Spiele der Zweiten Liga. Noch immer hält sich hartnäckig der Glaube, der harte Überlebenskampf würde in eine gnadenlose Treterei ausarten, weil stets drei von 18 Mannschaften aufsteigen und vier absteigen müssen. Das Primat des Holzens mag früher einmal gegolten haben, doch inzwischen bietet die Mehrzahl der Partien ordentlichen Fußball. Die Zweite Liga hat sich sogar zu einer Art Experimentierfeld für avancierte Spielweisen entwickelt. Hier arbeiten derzeit junge Trainer wie Jürgen Klopp in Mainz und Ralf Rangnick in Hannover an ihren Vorstellungen von modernem Fußball, ohne gleich der enormen Konkurrenz in der Ersten Liga ausgesetzt zu sein. Ähnliches gilt für Pierre Littbarski in Duisburg. Hätte seine inzwischen sehr ansehnlich spielende Mannschaft nicht zu Beginn der Saison noch Lernschwierigkeiten gezeigt, wäre sie schon jetzt ein Aufstiegskandidat. Auch der SSV Reutlingen profitierte von der modernen Ausrichtung seines Trainers Armin Veh. Veh hat als Nachfolger des entlassenen Friedhelm Funkel beim FC Hansa Rostock bereits den Sprung in die Bundesliga geschafft.

Einen ähnlichen Weg ging Volker Finke, der den SC Freiburg in der Zweiten Liga komplett überarbeitete. Klaus Toppmöller legte in Bochum den Grundstein für den erstmaligen Einzug des Klubs in den Uefa-Cup und den für seine heutigen Erfolge in Leverkusen. Auch Hans Meyer und Klaus Augenthaler profilierten sich mit ihrer Arbeitsweise in der Zweiten Liga, die sie in der Bundesliga unter sehr erschwerten Bedingungen fortsetzen konnten. Schade ist es, dass in den Nöten von Auf- und Abstiegskampf immer noch zu viele Klubs auf Trainer alter Schule setzen. Jörg Berger mag Alemannia Aachen vor dem Abstieg retten, eine Perspektive darüber hinaus bietet er kaum. Dragoslav Stepanovic in Oberhausen war ein gespielter Witz, und dem SV Babelsberg hat Horst Franz voraussehbar kaum weiterhelfen können. Die größte Gefahr droht der Liga jedoch durch den absehbaren Zusammenbruch ihres Geldgebers, des Kirch-Imperiums. Dann wären vom einen auf den anderen Moment alle Errungenschaften gefährdet und die Rufe "Niemals Zweite Liga" müssten noch viel ängstlicher klingen.

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