Sport : Der Sonntagsschuss: Balance statt Rotation

Christoph Biermann

Morgens liegt Raureif über den Wiesen, die Blätter leuchten golden statt grün, und wenn wir nachmittags zum Stadion ziehen, wird der Kragen ein wenig höher geschlagen. Es ist Herbst, und die Dinge beginnen sich zu ordnen. Noch ist nichts entschieden, aber das Oberste wird wohl nicht mehr zuunterst gekehrt, und der Tabellenletzte nicht noch Deutscher Meister werden. Der Winter naht, und wer jetzt noch keine Mannschaft hat, wird lange keine finden. Oder es zumindest schwer haben.

Hat der Trainer sein Team gefunden? So hieß früher eine Frage, die inzwischen aus der Mode gekommen scheint. Die europäischen Spitzenteams, allen voran der FC Bayern, rotieren eifrig. Da möchten die anderen nicht nachstehen, weil es nach Erfolg riecht. Sieht man von einem wie Hans Meyer ab. In fast allen Spielen dieser Saison ging der älteste und an Berufsjahren erfahrenste Coach der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach mit der gleichen Grundformation ins Spiel. Er bot vier Verteidiger, einen defensiven, zwei offensive Mittelfeldspieler und drei Stürmer auf. Ob der Aufsteiger gegen Bayern München antrat oder gegen den FC St. Pauli. Fast immer waren es zudem die gleichen Spieler, nur infolge von Verletzungen wurde getauscht.

Meyer sagt, dass es ihm wichtig ist, in einer Mannschaft die Balance zu finden. Es ist die zwischen erfahrenen Profis und aufgeregten Talenten, zwischen unbedingten Siegertypen und etwas lockereren Spielern, zwischen Kämpfern und feinen Technikern. Das mit der Balance, sagt er, sei eine Art Hobby von ihm. Um sein Prinzip weiter zu illustrieren, spricht Meyer über die Position des Torhüters. Einen Keeper wechselt man nicht, außer er ist verletzt. Oder spielt in Serie schlecht. Dann darf sein Vertreter ran, bis er sich verletzt oder in Serie schlecht spielt. Das ist eines der ehernen Gesetze, an die sich fast alle Trainer halten. Tun sie es nicht, haben sie nämlich bald zwei schwache Torhüter. Für die Position des einzigen Fußballspielers, der den Ball mit der Hand berühren darf, gelten also eigene Regeln. Aber sind sie für seine Kollegen so viel anders?

Vor 20 Jahren gewann der FC Bayern München seinen siebten von inzwischen 17 deutschen Meistertiteln. In jener Saison kamen insgesamt 19 Spieler zum Einsatz. Neun von ihnen absolvierten 30 Bundesligaspiele oder mehr. Dazu gehörten nicht einmal die Torhüter Junghans und Müller, die sich die 34 Partien zu fast gleicher Zahl teilten. In der letzten Saison trugen insgesamt 26 Spieler das Trikot der Bayern, von denen nur Torhüter Kahn und Hasan Salihamidzic am Ende in mehr als 30 Bundesligaspielen mitgemacht hatten.

Das Prinzip der Rotation, das Ottmar Hitzfeld etabliert hat, ist aus der starken Belastung seiner Profis in der Champions League oder den Nationalmannschaften geboren. Aber es erklärt die generelle Veränderung in der Bundesliga nicht. Denn beim 1. FC Köln, der weder im internationalen Wettbewerb spielte, noch eine größere Zahl von Profis für Länderspiele abstellen musste oder von schweren Krisen geschüttelt war, sah es im Vorjahr nicht anders aus. Nur drei Kölner kamen in mehr als 30 Spielen zum Einsatz, 27 Spieler waren es insgesamt. Eine Erklärung könnte sein, dass man heute drei Spieler auswechseln darf, früher waren es zwei. Doch selbst das gibt keinen Aufschluss darüber, warum heute so vergleichsweise wenig Spieler in fast allen Partien einer Saison auf dem Platz stehen.

Borussia Mönchengladbach ist mit spielerischem Talent nicht übermäßig gesegnet, weshalb die bisherigen Ergebnisse dieser Saison durchaus positiv zu bewerten sind. Um seine Spieler zu stabilisieren, behandelt Hans Meyer sie nach dem Torhüter-Prinzip. Sie dürfen schon mal schlecht spielen, auch zwei oder drei Mal. Sie sollen sich im Sattel sicher fühlen, sagt er. Meyer ändert seine Grundaufstellung nicht. Denn sie hat immer den Vorteil, dass sich seine Profis in einem vertrauten Rahmen bewegen.

Im Zeitalter der Rotation ist es eine scheinbar aus dem Blick geratene Überlegung, eine Mannschaft zu finden und Stammspieler zu benennen. Obwohl auch Klaus Toppmöller in Leverkusen durch das üppige Programm von Liga, Pokal und Champions League bislang mit einem Stamm von 12 Spielern gekommen ist. Das ist ihm wichtig, sagt der Trainer von Bayer. Nicht seine Mannschaft zu haben, ist nämlich in Wirklichkeit ein Luxus, den sich in Deutschland nur der FC Bayern erlauben kann. Ottmar Hitzfeld beherrscht die hohe Kunst, immer wieder unterschiedliche Balancen herzustellen, die nur mit den besten Spielern zu schaffen sind. Die dazu nötige Auswahl hat aber allein er. Unter anderen Bedingungen von Rotationen zu träumen, ist ein Irrtum. Nicht seine Mannschaft zu haben, ist für Hitzfelds Kollegen in Wirklichkeit ein Problem, das sie schon im goldenen Oktober richtig frösteln lässt.

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